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Die beiden Schauspieler Ingo Hülsmann, als Wallenstein, und Lise Risom Olsen, als Astrologin Baptista Seni.

"Wallenstein" in Berlin

Ein Pferd wird geräuchert

Kraftakt des Regietheaters: Michael Thalheimer vollstreckt in Berlin Schillers „Wallenstein“ als finsteren Dreistünder.

Von Ulrich Seidler

Drei Stunden „Wallenstein“ – Weimarer Klassik als komprimiertes Steh-, Brüll-, Krampf- und Dröhntheater von Deutschlands Theater-Oberfinsterling Michael Thalheimer: Will man so einen fröhlichen, sonnigen Himmelfahrtstag ausklingen lassen? Aufgeräumt ist die Stimmung im lichten Schaubühnen-Foyer am Donnerstagabend, die Wichtigen und Popichtigen des Theater- und Politikbetriebs haben sich eingefunden.

Es ist ein Ereignis, fast so hochkarätig wie Berlins letzte große „Wallenstein“-Premiere, die Peter Stein 2007 in einer ehemaligen Brauerei in Neukölln auf die Bühne brachte (alle elf Akte der Trilogie, zehn Stunden Spieldauer, bei der Premiere 15 Minuten Applaus, 29 ausverkaufte Vorstellungen, 34 800 Zuschauer). Das war noch echte deutsche Wertarbeit mit Wämsen, Degen, Reimen, einer wirklich beeindruckenden Wallehaarperücke für Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle und dem bis heute anhaltenden sowie erleichternden Gefühl einer überstandenen Geduldsprobe.

Nach jener, bis zur Bloßstellung des Werkes texttreuen Nachbuchstabierung, hat man es nun mit einem nicht weniger konsequenten Kraftakt des Regietheaters zu tun – auch sehr strapaziös für die Nerven. Der Zuschauersaal ist beim Einlass ordentlich eingenebelt, die Sicht reicht kaum über zwei Stuhlreihen, so dass sich die Zuwinkerei und -nickerei in Grenzen hält. Noch in Sichtweite sitzt der Regierende Bürgermeister a.D. sowie frühere BER-Aufsichtsratschef und macht noch schnell einen Witz über die hoffentlich funktionierenden Entrauchungsanlagen.

Und dann donnert es auch schon los. Thalheimers Theaterkomponist Bert Wrede schickt ordentliche Drones durch den von Thalheimers Bühnenbildner Olaf Altmann vergitterten Bühnenraum: Niedrigfrequenten Brummkrach, zerhackt von akustischen Schlägen gigantischer Zeitlupenpropeller, die sich nähern und entfernen. Langsam schneidet ein vom Bühnenhimmel herabzeigender Lichtstrahl durch den Nebel und fällt auf die vordere Hälfte eines Pferdekadavers, der an einem Strick im Rauch hängt – ein okkultes Menetekel, so tot wie dekorativ. Die blutigen Schemen der Spieler nähern sich und versuchen das Tier zu besteigen, lassen dann aber davon ab – denn es steht ja Schiller auf dem Programm.

Diese Eröffnungsinstallation pustet derart wirkungsvoll das Gehäuse durch, dass alles folgende, menschengemachte Schauspiel so wacker wie vergeblich dagegen anzustinken versucht. Die Verzweiflung an der eigenen Mickrigkeit – durchaus ein Thalheimersches Grundmotiv – beherrscht die Spielweise. Die Spieler pumpen sich auf bis zum Überdruck. Sie nehmen ihre jeweiligen, kantig herausgeleuchteten Sprechpositionen ein, produzieren wackere Bedeutung, krampfen zusammen, schlagen an dumpfen Emotionen leck, so dass mal aus hart verzerrten, mal aus tot erschlafften Grimassen Rotz und Tränen tropfen und gegen Ende dann auch Blut aus Gurgeln platzt.

Wer nicht dran ist, geht aus dem Licht ans hintere Gitter und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Es hat etwas Rituelles, Götzendienstartiges unter diesem halben Pferd.

Ingo Hülsmann in der Titelrolle hat als einziger einen Stuhl erwischt. Das tut seiner stets wettkämpferischen körperlichen Einsatzfreude keinen Abbruch. Selbst im Fläzen hält er schneidigste Körperspannung bis in die letzte manierierte Muskelfaser. Seine mit Ehrenringen geschmückten Hände gestikulieren so illustrativ wie elegant, wenn er nicht sinnend den Bauch oder seine raspelkurzen graue Haupt- und Barthaare streichelt. Und was da erst hinter der zerfurchten Stirn abgeht! Der Feldherr, der weiß, dass man an seinem Feldherrensesselbein sägt, zögert und denkt, versucht Interessen und Machtkonstellationen zu entwirren, richtet, weil hinieden kein Durchblick zu haben ist, sein Augenmerk zu den Sternen – und missinterpretiert die Zeichen.

Soll er mit den Schweden paktieren? Soll er dem Kaiser treu bleiben? Kann er sich auf seine Generäle verlassen? Wo hat er seine Ideale verloren? Was er eigentlich will und wofür er sich selbst und seine Heere so bemüht, wird nicht recht klar. Hauptsache an der Macht bleiben. Dieser Arsch von einem deutschen Helden, dieses Monstrum an Eitelkeit ist wohlgetroffen von dem Tönerufer, Silbenbeißer, Konsonantenkauer, Augenkneifer, Brustschläger, Hemdaufreißer und Großmannsposer Hülsmann, der vor über zehn Jahren auch schon Thalheimers Faust am Deutschen Theater war.

Auch unter den anderen Gestalten finden sich keine, mit denen man sich identifizieren müsste – die verhandelten Probleme sind weit weg, tief unten in einem dröhnenden, ausweglosen Räucherofen-Knast, in den es, wenn am Ende fast alle tot sind, gemeinerweise auch noch reinregnet. Der Applaus ist fest und feierlich, zieht sich aber glücklicherweise nicht in die Länge. Herrlich ist es, an einem solchen Abend das Theater zu verlassen. Man möchte an Blumen riechen, seine Glieder schütteln und schnell ein spätes Vatertagsbier zischen.

Schaubühne, Berlin: 7., 9. Mai und 10., 11., 12. Juni. www.schaubuehne.de

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