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Scherenschnitt im Landestheater in Salzburg. Ruth Waltz/SF

Salzburger Festspiele

Alles wie früher im Theater

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Posen der Natürlichkeit: Den Salzburger Festspielen fällt zu Peter Handkes „Zdenêk Adamec“ viel zu wenig ein.

Alles merkwürdig, logischerweise. An den Eingängen des Landestheaters sehr lange Schlangen, deren Glieder eine Art Abstand zueinander halten. Die Identitätskontrolle wird seriös gehandhabt, trotzdem ist es dann möglich, dass bei einer Verwicklung dort vorne (doppelt vergebene Karten oder etwas in der Art) Namen auf Ausweis und Karten auf einmal nicht mehr zusammenpassen. Auch wird in einem späten mutmaßlichen Akt der Verzweiflung die Verschnürung eines Platzes kurzerhand von befugter Seite mit einer rasch herbeigebrachten Schere aufgeschnitten. Sicher gibt es für all das Erklärungen.

Ohnehin ist es so voll im Parkett wie unsereiner es seit vielen Monaten nicht erlebt hat. Belegt wurde jeder zweite Platz in jeder Reihe, in den Rängen wirkt es viel loser. Mit Vorstellungsbeginn und bis zum Applaus dürfen die Masken abgesetzt werden, die Empfehlung, das nicht zu tun, ist nicht erstaunlich, allerdings auch nicht sehr realistisch.

Auf der Bühne gelten die Salzburger Spezialregeln: Eine 1A-Vorbereitung ermöglicht offenbar ein Spiel ohne Rücksichten auf die gängigen Abstandsregeln. Theater wie früher. Dass die Regisseurin Friederike Heller und das muntere Ensemble diese derzeit ungeheuerliche Gelegenheit am Ende gar nicht nutzen können, dürfte weniger leicht zu erklären sein als die Verwirrung im Parkett. Denn zur Uraufführung von Peter Handkes Text „Zdenek Adamec“ (vgl. FR v. 31. Juli) bieten sie wirklich Theater wie früher. Umarmungen, Verschlingungen, ein Kuss. Arme schlenkern, Hüften schwingen, und fadenscheinige Gründe reichen aus, um flink in die gotischen Bögen von Sabine Kohlstedts gutaussehendem Bühnenbild hochzuklettern.

Die Schauspielerinnen Luisa-Céline Gaffron, Eva Löbau und Sophie Semin (Handkes Ehefrau) und die Schauspieler Christian Friedel, André Kaczmarczyk, Nahuel Pérez Biscayart und Hanns Zischler, entsprechen halbwegs dem Wunsch Handkes nach einer heterogenen Menschengruppe, was Alter, Geschlecht, Herkunft betrifft. Um das zu unterstreichen, mischen sich gelegentlich andere Sprachen ein. Von Ulrike Gutbrod unterschiedlich individuell, aber durchweg leicht aufdringlich eingekleidet – wie in einer vermurksten Modenschau –, verteilen sie sich locker auf der Bühne. Sie sind unruhig, zuppeln an ihren Sachen, lagern sich zu Füßen eines Sprechenden in einer so genannten natürlichen Situation. Was das Theater unter einer natürlichen Situation versteht. Eine Probe vielleicht, denn des Posierens ist kein Ende und hinter der Lässigkeit hockt die Verlegenheit, ja lässig genug zu sein.

Sie werfen sich Worte zu, monologisieren, argumentieren, informieren. Der Tod des jungen Tschechen Zdenek Adamec, der sich am 6. März 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag mit Benzin übergoss und anzündete, wird umkreist, rekonstruiert. Im gelegentlich verplaudert lebhaften Ton steckt als Stachel stets die Tat, die weit überdurchschnittlich entsetzliche, in diesem Fall auch (für uns im Nachhinein, als keine Fragen mehr möglich sind) unerklärliche und dazu noch folgenlose Tat. Gleichwohl ist sie getan worden, maßlose Gewalt gegen die eigene Person. Wer redet und redet wie wir und wie die auf der Bühne, den kann das nicht unberührt lassen. Schrecken und Verwunderung stehen im Raum. Manchmal schaut eine dies und das im Internet nach.

Der Überdruss und der Wunsch nach Auslöschung, der auch den Spielenden in den Mund gelegt wird, verbindet sich durch die zugleich immer gegebene Möglichkeit einer kleinen Ablenkung, eines Späßchens, einer Geschichte, die man dann doch noch hören will, zu einem unaggressiven Wortgetümmel.

In Salzburg erklingt zwischendurch melancholische U-Musik (Peter Thiessen, dargeboten gemeinsam mit Renu Hossain und Michael Mühlhaus) und geht ein Feder-Schnee-Gestöber nieder. Schöne rote Äpfel liegen in einem schönen großen Korb und kullern nachher schön über die Bühne. Theater kann nicht immer Rücksicht darauf nehmen, dass das meiste schon einmal da war, aber gar so wenig Rücksicht ist auch wieder eigenartig. Es gibt zudem keinen Hinweis darauf, dass sich die Inszenierung darüber im Klaren ist, was für eine allgemeine, antibesondere Bilder- und Darstellungswelt sie für einen Text bereitstellt, der alles andere als das sein will. Der sich darüber sogar lustig macht, der das zumindest komisch findet.

Die gotischen Bögen auf der Bühne – nachher drehen sie sich dekorativ ausgeleuchtet, das Ensemble als Teil eines Scherenschnitts – lassen an einen Kirchenraum denken, gemeint ist aber „die leere Säulenhalle, in der sonst Markt abgehalten wird“. Hier sehen Handke und seine Sprechenden „neuen Spielen“ zu: Menschen, die in Mobiltelefone plappern, aber die Mobiltelefone sind bloß Attrappen. Menschen, die auf Zeichenblöcke zu zeichnen scheinen, „wobei das Agieren aber ein bloßes Gefuchtel ist“. Nach zwei pausenlosen Stunden, die sich beim Mäandern in der knochenlosen Struktur des Textes in die Länge ziehen, muss man aber feststellen, dass man genau einem solchen Spiel all die Zeit beigewohnt hat, einem Als-ob-Theater. Bilder wie im Theater, Musik wie im Theater, Posen.

Spielt dabei eine Rolle, dass das Leben hier draußen gegenwärtig so ganz anders ist? Spielt eine Rolle, dass der Text, den man an dieser Stelle gewiss mit dem Autor verwechseln darf, ausdrücklich weder „Moral“ zum Thema machen will, noch „Interpretationen“ wünscht? Keine „Interpretationen“ heißt es, das habe man doch vorher vereinbart. Was beim Lesen Entspanntheit, Leichtigkeit, sogar Selbstironie ist, wird auf der Bühne jedenfalls zu dürftiger Neutralität.

So viel Luft nach oben ist bei einer Uraufführung selten. Für Oktober kündigt das Deutsche Theater Berlin die deutsche Erstaufführung unter der Regie von Jossi Wieler an, im Frühjahr soll Frank Castorf am Burgtheater inszenieren. Wer glaubt, dass der müde, mit freundlichem, jubelfreiem Beifall bedachte Abend nicht wegen der Textgrundlage scheiterte, bleibt dran und hofft.

Salzburger Festspiele im Landestheater: 12., 13., 15., 16. August. www.salzburgerfestspiele.at

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