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Johan Inger erzählt von Vereinzelung und braucht dazu nichts außer Bewegung.

Nationaltheater Mannheim

Perfektion im leeren Haus

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Sehr unterschiedlich geglückte Choreografien von Johan Inger und Giuseppe Spota.

Giuseppe Spota nennt sein jüngstes Tanzstück für das Nationaltheater Mannheim „Die vier Jahreszeiten“ und nutzt auch die Vivaldi-Musik, doch der Choreograf möchte die Veränderungen in der Natur offenbar nicht nur hübsch betanzen lassen. In seinem Bühnenbild kommt viel Plastik zum Einsatz; man kann eine zeitkritische Absicht vermuten nicht nur in einem schwebenden Riesenwirbel aus Kunststoff-Kanistern. Unter den ebenfalls von Spota verantworteten Kostümen ist die Plastikblüte um den Kopf ebenso wie der weiße Zottelanzug, der an Eisbären denken lässt. Im Frühling wachsen einzelne Tänzer durch Plastikschläuche empor. Zwischen den Vivaldi ist außerdem Klangdesign von Hanna Green gepackt, es gibt Ähnlichkeiten zum Grollen sich verschiebenden Eises.

Spota, der einige Jahren für Mannheims Intendanten Stephan Thoss getanzt hat, der jetzt dessen choreografischer Assistent ist, wird, wie kürzlich bekannt wurde, zur Spielzeit 2019/20 Ballettdirektor in Gelsenkirchen. Das rund einstündige „Die vier Jahreszeiten“ ist sein drittes größeres Stück in Mannheim.

Erneut, nach einer „Petruschka“-Variante vor einem Jahr, beweist er eine gute Hand für die Ausstattung, die Kunststoff-Objekte sind beeindruckend. Erneut aber auch erscheint die Choreografie selbst über gar nicht so kurze Strecken seltsam ziel- und ratlos und in keiner Weise prägnant, kaum scharfkantig oder expressiv. Vieles spielt sich im Halbdunkel und in Bodennähe ab, es ist dennoch nicht erkennbar, dass Spota einzelne Bewegungsmotive ausgesucht hat, um sie immer wieder anklingen zu lassen. Ein Tänzer wird zum Beispiel von Kollegen mit kleinen Lampen angeleuchtet, er windet sich mal so, mal so, und welcher Körperteil gerade angestrahlt wird, scheint völlig beliebig.

Szenen finden keinen plausiblen Abschluss, brechen ab. In einer Umbaupause wird der Zuschauerraum erst ominös rot, dann bläulich beleuchtet. Alles dreht den Kopf, man erwartet irgendeine Aktion im Saal, aber es wird einfach wieder dunkel und geht weiter. Nun hängt oben der Plastikkreis, senkt sich verschiedentlich, kippt, fährt wieder hoch. Auch die Dramaturgie befremdet also etwas. Es gibt kaum Schlüssig- und Folgerichtigkeit in diesem sicher gut gemeinten Tanzstück.

Nach der Pause folgte das große, geradezu beglückende choreografische Können. Johan Ingers „Empty House“ berichtet vom Menschen, obwohl man diese zwanzig Minuten Tanz auch abstrakt nennen kann. Es handelt sich zudem um eine Bewegungspartitur, in der jeder Schritt, jede Sekunde Tanz auf den Punkt gebracht ist, so dass man die Luft anhält, um nichts zu verpassen. Es geht – siehe „leeres Haus“ – um Vereinzelung; zwei Stoffbahnen (Bühne: Inger) und eine umwerfende Ausdruckspräzision der zehn Tänzerinnen und Tänzer ist alles, was der schwedische Choreograf braucht, um davon zwischen Innehalten und herrlichem Furor zu erzählen. Die leicht folkloristisch angehauchten Kostüme sind von Mylla Ek.

Gewiss, die mit zarten wie auch heftigen Gefühlen aufgeladene Musik des ungarischen Geigers und Komponisten Félix Lajkó tut in „Empty House“ ein Übriges, dass man diesem Stück hingerissen folgt. Allerdings versteht es Inger eben auch, eine ganze Choreografie mittels spezifischer Bewegungssprache in einem bestimmten Ton einzufärben. Im Rahmen des Mainzer Tanzfestivals war er mit „Bliss“ zu Gast, dies zu Keith Jarretts „The Köln Concert“, entstanden war ein leichtfüßig-verspieltes, helles Tanzgewebe.

Nun hat er sich für eine mitteldunkle Grundierung entschieden, für Ecken, Kanten, Ausbrüche, aber auch abwartende Konzentration. Einige der Tänzer stehen meist am Rand oder vor der Stoffbahn, sie blicken ins Nichts oder in sich hinein. Ein Mann umkreist eine Frau, zuerst langsam, dann bald rennend. Zwei Tänzer springen in den Raum wie vom Sturm getrieben.

Johan Ingers Talent, gleichsam jede (Körper-)Note perfekt zu setzen, ist ein rares. Bei Giuseppe Spota zweifelt man eher, dass aus ihm noch ein so großer, geschickter Choreograf werden kann. In „Let’s Beat“ zu Strawinskys „Petruschka“ gelang die Figurenzeichnung nicht. Diesmal ist es bisweilen, als versickerten seine Bewegungsideen geradezu im Boden. Gewiss aber hat er sich mit der Wahl der berühmten, etwa in Kaufhäusern runtergedudelten Vivaldi-Musik keinen Gefallen getan.

Nationaltheater Mannheim: 17., 26.  Januar, 7., 13., 24. Februar. Termine  auch am Theater Heilbronn. www.nationaltheater-mannheim.de

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