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Theater

„Pension Schöller“ im Staatstheater Kassel: Irresein oder Nicht-Irresein

  • VonJoachim F. Tornau
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Der Klamottenklassiker als Groteske: Thomas Jonigk zeigt in Kassel eine Neufassung von „Pension Schöller“

Die am meisten rassistische und am meisten homophobe Partei, die je im deutschen Bundestag gesessen hat, zieht mit einer Spitzenkandidatin in den Wahlkampf, die offen lesbisch mit einer aus Sri Lanka stammenden Frau zusammenlebt. Die Meinung, dass man hierzulande seine Meinung nicht mehr frei äußern könne, wird regelmäßig vor dem Millionenpublikum von Fernsehtalkshows vertreten. Und nie konnten Demonstrierende der deutschen Polizei so auf der Nase herumtanzen wie die, die sich wegen der Corona-Politik in einer Diktatur wähnen.

Man kann das widersprüchlich finden, klar. Man kann finden, dass bei Deutschlands Rechter, der Rationalität ohnehin eher abhold, gerade besonders viel durcheinandergeraten, im Wortsinn „ver-rückt“ ist. Oder man erhebt es, wie die AfD, einfach zum Programm und behauptet: „Deutschland, aber normal“. Denn was normal ist und was verrückt, liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, der Betrachterin. Und damit sind wir bei „Pension Schöller“.

Irresein oder Nicht-Irresein, das ist hier die Frage. Am Kasseler Staatstheater hat der Schriftsteller und Regisseur Thomas Jonigk die Antworten, die die Komödiendichter Wilhelm Jacoby und Carl Laufs darauf vor rund 130 Jahren mit ihrem Klamottenklassiker gegeben haben, recht ruppig in die Gegenwart überführt. Die Grundkonstellation bleibt dabei unverändert: Der reiche Onkel Philipp Klapproth (Bernd Holscher) verspricht seinem Neffen Alfred (Konstantin Marsch) dringend benötigtes Geld, wenn der ihm den voyeuristischen Besuch in einer Nervenheilanstalt ermöglicht. Mangels echter „Irrer“ führt Alfred dem Onkel daraufhin die sozial nicht völlig unauffälligen Betreiber und Gäste der Pension Schöller vor. Es folgen üppig Turbulenzen und Missverständnisse, „normal“ und „verrückt“ geraten immer mehr in Fluss, und am Ende wird ziemlich wahllos geheiratet.

Ansonsten jedoch hat Jonigk nicht allzu viel übrig gelassen von dem beliebten Lustspiel mit seiner wenig subtilen, doch freundlichen Komik. Er hat das Personal zusammengestrichen, hat Rollen zusammengelegt und der Pension zwei sehr heutige Rechtsaußen als Gäste spendiert. Aus dem Großwildjäger Bernhardy, der überall Gefahren wittert, wird ein Kammerjäger (Artur Spannagel), der über Ratten spricht wie über Geflüchtete und beider Invasion fürchtet. Aus dem Ex-Militär Gröber wird ein suspendierter Polizist (Stephan Schäfer), dem nichts Rechtsextremes rechtsextrem genug ist, der bei den Worten Merkel, Analverkehr und Demokratie in schmerzhafte Zuckungen verfällt und der ständig irgendjemanden erschießen möchte.

Komisch ist das nicht immer, zumal der Neufassung das Tempo und der Irrwitz des Originals deutlich abgeht. Aber trotz manch schlichten Scherzes soll es auch gar nicht in erster Linie komisch sein, sondern vor allem böse. Die Klamotte als Groteske, als Blick in die Abgründe des politischen Wahns, „so normal und durchschnittlich, dass es zum Verrücktwerden ist“, wie es einmal heißt. Etwas eklektisch garniert wird das Ganze dann noch mit bizarren Chorproben der altjüngferlichen Pensionswirtin (Christina Weiser) oder einer beim politischen Kabarett ausgeborgten Quizshow: „Wer hat’s gesagt: Höcke oder Hitler?“

Homosexualität und Homophobie sind Leitmotive. Meret Engelhardt gibt den sprachfehlergebeutelten Schauspieler Eugen (der sich hier schließlich als Schauspielerin ohne Sprachfehler entpuppt), Jürgen Wink ist eine höchst elegante Pensionswirtinsschwägerin. Die Kasseler „Pension Schöller“ deshalb als Plädoyer für eine neue Normalität der fluiden Geschlechtergrenzen und freien sexuellen Orientierungen zu verstehen, wie es das Programmheft tut, das scheint dann aber doch ein bisschen zu viel der Aufladung für einen Komödienklassiker zu sein.

Staatstheater Kassel: 15., 16. Juli. www.staatstheater-kassel.de

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