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Sarah Grunert als Solveig zwischen dem kranken Peer und dem Max-Simonikschek-Traum-Peer. Falls es ein Traum ist. Woher dann der Dreck und der Troll-Schwanz.

„Peer Gynt“

Schauspiel Frankfurt: Keiner kann ihm helfen

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Andreas Kriegenburg erzählt Ibsens „Peer Gynt“ in Frankfurt als Gespenster- und Krankengeschichte. Eine Kritik der Inszenierung am Frankfurter Schauspiel.

Henrik Ibsens „Peer Gynt“ ist eine unruhige Seele, aber er ist nicht in Eile. Es handelt sich hier ja um einen großen Teil seines Lebens, dessen Kürze dem Menschen meist nur punktuell ins dann sofort verschreckte Auge sticht. Ansonsten kommt es ihm lange Zeit ewig vor. Dass Peer Gynt im Schauspiel Frankfurt in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg von 19 bis 23.45 Uhr Zeit hat (mit zwei Pausen), wird der Situation insoweit und im Theatermaßstab gerecht.

Dass Max Simonischek in dieser Zeit lediglich um nicht sichtbare vierdreiviertel Stunden altert, ist eine markante Setzung, die sich am Ende gegen diesen bewunderungswürdigen Aufwand richtet. Die Brutalität des Zu-Spät, die Brutalität des jedermann ereilenden Endes bleibt ihm und uns erspart. Sonst allerdings wenig. Die quiekenden Trolle mit den sanft klippelnden und klappernden Holzstäbchengewändern und den schaurig realistischen Schweinsköpfen (Kostüme: Andrea Schraad) bekommen Zeit, sich und ihre gefährliche Lebensart zu zeigen. Ausführlich, wirklich ausführlich schwenken dann die luftig unverbindlichen Fantasiebeduinen ihre riesigen Plastikfolienbanner. Kriegenburg will nicht mehr zeigen als das, was er im Text gefunden hat, aber das, was er zeigt, will er länger zeigen. Dem kann man gut folgen. Ungehetzt geht es zwischendurch einen Stock tiefer zurück zur Rahmenhandlung. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt.

Peer Gynt in einer psychiatrischen Abteilung

Kriegenburgs Peer befindet sich von vornherein in einer psychiatrischen Abteilung – auch im Laufe der Ibsen’schen Handlung kommt er mit einem „Irrenhaus“ in Berührung, Wahn und Individualität sausen immer dicht aneinander entlang. In einem niedrigen, gleißend weißen Bühnenkasten hat Harald B. Thor einen aseptischen Krankenhausschlauch eingerichtet, in dem unter anderem die futuristisch kühlen, höflichen Krankenschwestern Paula Hans und Melanie Straub tätig sind. Man sieht die verzweifelte Mutter, Katharina Linder, die in einer wunderbaren Miniaturszene ihre Sorgen versehentlich ausgerechnet Christoph Pütthoff als seinerseits verrücktem „Arzt“ anvertraut (ein langer Abend, aber mit vielen Details). In Frankfurt ist auch der wurschtige Vater dabei, Sebastian Reiß: vielleicht zur Abrundung des klassischen Krankenbett-Tableaus, vielleicht um aus dem nichtsnutzigen Trollkönig, den er ebenfalls übernimmt, eine garstige Vaterfantasie zu machen.

Vor allem aber lernt man hier bereits Solveig kennen, Sarah Grunert, die sich um den unansprechbar eingerollt im Bett liegenden Peer kümmern wird. Sie bringt ihm selbstgepflückte bescheidene Blümchen des Nordens mit, lässt die einschlägige Musik von Edvard Grieg laufen. Stunden später sieht man, wie sie dadurch die Krankenschwestern kennengelernt hat, kleine, freundliche Routinen haben sich eingespielt. Sie sind plastisch und nehmen Grunerts zugewandtem Spiel, dieser seltenen, aber existierenden sympathischen Bedingungslosigkeit, alles Stereotype, das Solveigs Liebe im Stück manchmal hat. Der Rahmen ist nicht Beiwerk, sondern eine Parallelgeschichte und die Grundlage für Peers Abenteuerreise. Die er einerseits behütet, andererseits heillos gestört antritt. Kindliche Offenheit sammelt sich allein in Grunerts Gesicht, Simonischek dagegen zeigt einen von Anfang an misstrauischen, verschlossenen Peer. Er muss schon einiges hinter sich haben. Eine Setzung auch das. Er ist am Ende nicht alt, aber er ist am Anfang auch nicht jung.

Peer, nachher gedoubelt, liegt also im gestreiften Schlafanzug im Bett. Während der schneeweiße Raum langsam versinkt, kann Simonischek aber durch eine Dachluke schlupfen, und oben tut sich eine ganz andere spektakuläre Bühnenwelt auf. Ein Wald aus extrem langen Brettern, der Boden erdig, Peer wälzt sich nackt in der Freiheit und ist nicht allein. Es quietscht und maunzt im Halbdunkel zu sanft amorpher Musik.

Archaische Minuten im Gruppenschlammbad

Ein fideles Gruppenschlammbad hält etwas länger an als erforderlich, aber der eingesaute Peer ist zu glücklich, um rasch wieder aufzuhören. Glücklich? Sagen wir: Peer ist bei sich. Der Hüne Simonischek, der sich an diesem Abend fast immer duckt und seine beträchtliche körperliche Präsenz nach Art von Depressiven herunterspielt, reckt und brüstet sich. Archaische Minuten.

Den Dreck will er nicht mehr loswerden und wird er nicht mehr los. Wenn er nun in die Gegenwart des fürchterlich hellen Untergeschosses zurückkehrt, hinterlässt er kleine, aber auffällige Spuren auf Krankenschwesterwangen und Bettlaken. Gespensterhinweise, Belege dafür, dass Peer nicht bloß träumt. Auch die anderen Darsteller des großen, lebhaft sich in die Situationen werfenden Ensembles bringen gelegentlich einen Dreckrest am Hals mit. Rasant müssen sie zwischen den Rollen wechseln und die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, „Wahn“ und „Wirklichkeit“ ständig überspringen. Ein Spiel, aber ein anregendes Spiel. Friederike Ott hat schon als Patientin im grünen Morgenmantel kecke Worte der Trollprinzessin auf den Lippen. Mit der fantastischen Ästchenperücke, die sie im Wald trägt, erschreckt sie später Peer auch im Krankenhaus.

Die langen Bretter, im Märchenwalddickichtlicht (Frank Kraus) eine perfekte Ausnutzung der übergroßen Bühne, können zum Teil heruntergelassen werden. Dann bilden sie in raffiniert wirkenden und hoffentlich gut abgesicherten Variationen Wippen für einzelne Schauspieler – so die internationale Runde unter Palmwedeln, als Peer Kapitalist geworden ist – oder auch für größere Konstruktionen. Für Aases Tod, den Peer seiner Mutter als fröhliche Kutschfahrt gestaltet – aber Mütter sind nicht dumm, aber Mütter freuen sich, wenn Söhne ihnen beistehen –, wird ein Flugbett zusammengesteckt. Das Schiff für Peers Heimkehr wird ein schwankendes Floß sein, das Meer die Plastikfolien aus dem Beduinen-Akt. Eine Portion Kindertheater, aber auch: Wie im Traum erwächst alles immer wieder aus einem Pool von Figuren und Material. Dem Ausufernden gibt das etwas Konzentriertes.

Das Publikum, anstatt vor Erschöpfung umzufallen (einige Plätze werden während der Pausen aber frei), applaudiert dann noch fast bis Mitternacht.

Schauspiel Frankfurt: 23., 24. Mai, 3., 5., 6., 13., 21., 23. Juni. www.schauspielfrankfurt.de

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