1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Paula Rosolen: Das Über-Ich im Pastorenkragen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marcus Hladek

Kommentare

Hochenergetischer Dauerpegel in Cluboutfits.
Hochenergetischer Dauerpegel in Cluboutfits. © Baumann

Historisch und hypnotisch: das Tanzstück „16BIT“, uraufgeführt im Mousonturm.

Eine abend- und gedankenfüllende Stunde dauert „16 BIT“, das machtvoll powernde neue Tanzstück Paula Rosolens mit ihrer Produktionsplattform „Haptic Hide“. Den starken Personalstil der jungen argentinisch-deutschen Choreografin macht es bislang aus, die Bewegungs- und Sinnwelten eines umgrenzten Materials abzutasten, das sie besonders anspringt. Mal geht es um den militärischen Drill am Grunde der Disco-Mutter aller Wellness-Workouts („Aerobics!“), mal um das innere Regelwerk von Musical („Libretto“) und Puppenspiel („Puppets“) oder die Komplexitäten von Zeichensprachen mit Flaggen („Flags“).

Ihre jetzt von vier Tänzern (Daniel Conant, Felipe Faria, Kyle Patrick, Steven Fast), der Tänzerin Capucine Schattleitner und dem als „they/them“ selbstdefinierten Tänzer Steph Quinci uraufgeführte Arbeit „16BIT“ kreist um Techno: die Musikform, das Phänomen. Wie bei „Aerobics!“ nimmt sich Rosolen somit erneut ein soziales Massenphänomen vor, das einmal weltbewegend und Ausdruck seiner Zeit war. Rosolen blickt insbesondere auf die Frühzeit des Techno in den 1980ern, als der nur HipHop-vergleichbare kommerzielle Erfolg der zwischen Europa und Amerika hin- und herschwappenden Techno-, House- und Acid-Welle und Partykultur erst anlief, während einige Musiker, zumal in Deutschland, noch sozialkritisch dystopische Zukunftsvisionen einfließen ließen: post-industriellen Verfall, emotionale Kälte, atomare Ängste.

Der Titel selbst hat wenig mit Prozessorarchitekturen zu tun, aber umso mehr mit Rosolens erster Inspiration durch den noch recht songhaften 1986er-Videotrack „16BIT“, in dem Sven Väth als Sänger auf der Stelle tänzelt, zappelnd eingebettet in ein Gothic-Setting mit Fackeln, Totenkopf und moralisierendem Über-Ich im Pastorenkragen. In der fertigen Produktion tragen die sechs langgliedrig-gertenschlanken Tänzer eine androgyne Uniform, nämlich teils blaue, teils rote kurzbeinige Bodies im hautengen Glitzerlook mit Goldstreifen sowie später abgelegte Jäckchen mit Football-Schultern und modische Basketballschuhe. Wer dank der Mousonturm-Website das Probenfoto in Shorts und Tänzerzivil dagegenhält, wird umso besser ermessen, wie perfekt das kollektive Dancefloor- und Cluboutfit auf spiegelndem Tanzboden den langen „track that never stops“, den die Sechs austanzen, zum absoluten Ausdruck des Techno macht. Songs sind gegenständlich, Techno so abstrakt wie der isolierte Farbfleck in einem Turner- oder Renoir-Gemälde: auch das macht „16BIT“ nachvollziehbar.

Es dauert zwar nicht lange, bis der bis auf ein paar Zäsuren pausenlose Tanz seinen hochenergetischen Dauerpegel erreicht hat und schon allein als schierer Kraftakt beeindruckt. Den Einstieg in die Techno-typischen Merkmale des rasant-repetitiven Minimalismus perkussiver Grundrhythmen, wechselnder Tonschleifen und so fort tanzt das Ensemble zunächst aber mit einem Uhrwerks-Minimalismus von langsam sich aufbauendem Crescendo, das Tänzer aber schon wie Rädchen und Unruh einer perfekt organisierten Maschine anmuten lässt und dazu hinleitet, Techno gleichsam auf voller mathematischer Höhe ausgetanzt zu sehen.

Anmutungen von Clubverhalten und Dancefloorgehabe unterhalb des Kunsttanzes, aber auch zunehmende Ansätze von Ballettkonventionen, die das Maschinelle aufbrechen und allerlei Formationen durchspielen oder die Körperlichkeit einzelner und als Gruppe hervorkehren, Spuren von Gesang oder auch kommentierenden Stimmen und Radio im Stil des Industrial stellen sich noch später ein, wenn auch mit Lichteffekten und Stroboskoplicht gespielt wird. Durchgängig und hautnah bleibt das Gespür für direkt in Bewegung umgesetzte Rhythmen von manchmal marschartiger Forcierung. Ein Stück, das völlig ohne chemische Nachhilfe, wie sie das Technopublikum historisch liebte, in hypnotische Trance zu versetzen vermochte.

Auch interessant

Kommentare