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Im Winter 2014 war noch alles in Ordnung.
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Im Winter 2014 war noch alles in Ordnung.

Räuberrad der Berliner Volksbühne

Der Patient lässt seine Narben sprechen

  • vonUlrich Seidler
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Das Räuberrad der Berliner Volksbühne soll restauriert werden und – vielleicht – seinen alten Platz wieder einnehmen.

Die Atmosphäre ist konzentriert und um eine gemeinsame Lösung bemüht – wie bei einer ärztlichen Visite. Auch dass in der dritten Person über den Patienten in dessen Beisein gesprochen wird, erinnert ans Krankenhaus. Der Patient lässt alles geduldig über sich ergehen – die Inaugenscheinnahme, das behutsame Herumdoktern an den Wunden und die differierenden Meinungen der Fachleute.

Also wie geht es dem Räuberrad heute? Das Kunstwerk von Bert Neumann, das bis zum vergangenen Sommer vor der Volksbühne stand, lehnt in drei Teilen mit klaffenden, aber natürlich nicht blutenden Schnittstellen an der Wand einer Werkstatt in Oberschöneweide, es ist das Atelier des Metalldesigners Rainer Haußmann, der die Skulptur 1994 direkt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz zusammenschweißte.

Steffen Pauels von der Kulturverwaltung, die Diplom-Metallrestauratorin Marina de Fümel von der Stiftung Stadtmuseum und der Technische Direktor der Volksbühne Stefan Pelz haben sich in Haußmanns Atelier mit der Fotografin und Designerin Lenore Blievernicht, der Witwe von Bert Neumann, verabredet, um über das Rad zu beratschlagen.

Es ist kalt in der Werkstatt, wo normalerweise robuste und chichi-freie Möbel gebaut werden. Der Sommer 2017 scheint viele Jahre lang her zu sein. Es fühlt sich schon an wie eine Legende: Wie sich das Rad beim ersten Entwurzelungsversuch weigerte und schief im Regen stand, bevor es am 30. Juni, dem vorletzten Tag der 25-jährigen Intendanz von Frank Castorf, vorsichtig auf einen Tieflader verfrachtet und von der Polizei in Haußmanns Werkstatt eskortiert wurde. Dort zerlegte man es in besagte drei Teile, um es mit einem LKW nach Avignon transportieren zu können.

Vor der Spielstätte, in der Castorf seine letzten Vorstellungen von „Die Kabale der Scheinheiligen“ zeigte, wurde es verschweißt und wieder aufgestellt. Eine grandiose Geste des Trotzes: Wenn man einen Castorf in Berlin nicht mehr haben will, dann packt er seine Sachen und verschwindet dorthin, wo man ihn in der gebotenen Weise ehrt und liebt. Wenn es nach dem damaligen Volksbühnendramaturgen Carl Hegemann gegangen wäre, hätte man das Rad – ähnlich wie bei der Kran-Himmelfahrt des OST-Schildes ein paar Tage zuvor – im Ganzen, am einen Hubschrauber hängend, nach Avignon fliegen sollen, gern ein bisschen zu tief, um hier und da auf dem Weg Kirch- und Rathaustürme umzunieten und andere Dachschäden zu hinterlassen.

Nun denn. Jetzt hat das Rad seine neuerliche Dreiteilung und den Rücktransport von Südfrankreich nach Oberschöneweide durchgemacht. Hier harrt es auf seine Sanierung. Es ist ein Kostenrahmen von 38 800 Euro gesetzt, die Arbeiten sollen bis Juli 2018 abgeschlossen sein.

Dass die Oberfläche rostig ist, gehört natürlich zu der Idee dieses Denkmals, aber die Fußsohlen sind arg durchlöchert und das Material ließe sich mit den Fingern abbröseln. Das würde von den Anwesenden keiner tun. Die Schweißnähte, die entstanden sind, als für Avignon neue Ständer montiert wurden, sehen aus wie die noch unverheilten Narben einer Sportverletzung. Die sollen abgeschliffen und retuschiert werden. Ob es neue Fußsohlen gibt oder die Skulptur unten offen bleibt, ist noch nicht entschieden.

Die Anwesenden tauschen detailliert ihre Diagnosen und Behandlungsmethoden aus. Haußmann findet, dass das Geflickte zum Geist des Denkmals passe, de Fümel möchte so viel Ursprungsmaterial wie möglich erhalten, Blievernicht geht es um das originale Erscheinungsbild und Pelz bringt Sicherheitsargumente ins Spiel. Man sei sich doch darüber einig, dass das Rad wieder im öffentlichen Raum stehe? Blick in die Runde, allseitiges Nicken.

In der Vereinbarung, die Frank Castorf, Lenore Blievernicht und die Kulturverwaltung geschlossen haben, steht, dass das Räuberrad nach der Sanierung wieder dort aufgestellt werden soll, wo es hingehört, „wenn sich die Parteien nicht auf einen alternativen Standort einigen.“ Das steht nicht zu befürchten. Wir werden in den Narben lesen.

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