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Jakub Józef Orlinski (Rinaldo; mit Schwert) im Handgemenge mit den Furien.
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Jakub Józef Orlinski (Rinaldo; mit Schwert) im Handgemenge mit den Furien.

Oper Frankfurt

Partitur der Bewegungsstile

  • VonStefan Schickhaus
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Der Zauber gelingt technikfrei: Die Oper Frankfurt bringt Händels "Rinaldo" als Tanz-Apotheose ins Bockenheimer Depot.

Beim Schlussapplaus war eine der Furien plötzlich ein wenig orientierungslos. Ihre zwei Mit-Furien fehlten für die Verbeugung, kamen aber sogleich hinterhergetänzelt. Für einen Augenblicksbruchteil wirkte das Geschehen auf der schrägen Bühne des Bockenheimer Depots einen Hauch unorganisiert, aber das fiel auch nur deswegen auf, weil sich die drei Stunden davor als eine Meisterleistung der hochgradigen Organisation abgespielt hatten. 

Regisseur Ted Huffman und Choreograf Adam Weinert haben Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“ als Apotheose des Tanzes und der Bewegung umgesetzt, und das mit einer Personenführung, wie man sie in einer derartigen Präzision und Detailliertheit sonst nicht erlebt auf der Opernbühne. Die Bewegungsstile waren wie in einer zweiten Partitur komponiert, mit parallelen Zeitschichten und Geschwindigkeiten, kein Schritt unüberlegt, kein Fall ein Zufall. 

„Rinaldo“ aus dem Jahr 1711, Händels erste Oper für das Londoner Publikum, ist ein typisches Stück Barockoper, doch ebenso auch noch ein bisschen mehr. Die Arien alle nach der genormten da-capo-Bauweise und dennoch enorm vielfältig, die Handlung mit einer Zauberin, mit Wesen der Unterwelt, mit magischen Gärten und heroischen Schlachten fantasievoll aufgeladen. Zu Händels Zeit war das Theater am Haymarket dafür zum Ort der Effekte mutiert, mit allerhand Bühnenmaschinerien und Apparaten. Special effects des Barock, auf der Händel-Bühne wurden sie von der Leine gelassen. 

Das Verblüffende an der neuen Produktion der Oper Frankfurt jetzt im Bockenheimer Depot war, dass diese Bühne komplett leer blieb, technikfrei. Eine große schwarze Schräge ohne Enden. Und dennoch funktionierte der Zauber, das war ganz enorm. Der Zaubergarten der Armida zum Beispiel: Drei Furien tragen drei Birken, ein Tänzer mit Hirschgeweih durchstreift den Wald, darin Rinaldo und seine Geliebte Almirena. Alle Elemente in steter Bewegung, Bilder formend, Ensembles bildend, so reduziert und sinnlich zugleich. Dazu spielen die Orchestermusiker auf Vogelpfeifen und Blockflöten. Klangliche Naturidylle trifft auf ästhetische Bildmagie. 

Bleiben wir gleich beim Orchester. Das spielt in Frankfurt, wenn Barockoper auf dem Programm steht, mit großer Souveränität und Selbstverständlichkeit auf historischen Instrumenten, Naturtrompeten, Darmsaiten, die Stimmung liegt bei 415 Hertz. 

Jakub Józef Orlinskis Stimme ist traumhaft

Simone Di Felice ist da der richtige Mann am Pult, seit dieser Saison in Frankfurt vom Solorepetitor zum Kapellmeister aufgestiegen. Die Continuogruppe ist gut aufgelegt, man höre nur auf die fantasievolle Lauten-Begleitung in der Arie „Lascia ch’io pianga“. 

Da hatte oben auf der Bühnenschräge auch Karen Vuong als Almirena ungemein geschmackvolle Verzierungen im da capo zu bieten. Sie bewegte sich an diesem Premierenabend nicht nur im Kampf um die Gunst des Ritters Rinaldo auf Augenhöhe mit der Zauberin Armida, gesungen von Elizabeth Reiter, auch stimmlich waren sich die beiden Sopranistinnen ebenbürtig. Reiters Armida: Stark in der Ekstase, stärker noch im Lyrischen, weil ihr Sopran leicht war und dennoch nicht blass. Oft nicht auf einer Höhe mit dem Dirigenten war die Mezzosopranistin Julia Dawson als Heerführer Goffredo, ausgestattet als Greis mit bodenlangem Catweazle-Bart. Wie Brandon Cedel und Daniel Miroslaw, beide schön dunkel-klare Basssänger, gehören sie zum Frankfurter Ensemble. 

Der einzige Gast war der junge polnische Countertenor Jakub Józef Orlinski, von dessen Beweglichkeit – nicht alleine der stimmlichen, vor allem auch der körperlichen – muntere Gerüchte kursieren. Erst im Sommer durfte er in Aix-en-Provence in einer Cavalli-Oper seine Kompetenz in Sachen Breakdance vorführen, jetzt war wieder seine ganze Körperbeherrschung auf dem Bühnenboden gefragt. Rollen vorwärts und rückwärts, als Teil spektakulär choreografierter Kampfszenen, lieferte der Sänger am laufenden Band, den Profitänzern dieser Produktion stand er da in nichts nach. Mit solch einem Material zu arbeiten muss für einen Opernchoreografen ein Traum sein. Wobei zu allem Überfluss auch Orlinskis Altstimme traumhaft ist. Sicher in den Koloraturen, bruchlos zwischen den Registern, mit enormen Ambitus gesegnet: Die Eingangsverzierung zum da-capo-Teil der Arie „Venti, turbini“ hatten alles, was einnehmenden Barockgesang ausmacht. 

Komplett ausgeblendet hat das „Rinaldo“-Regieteam das im Libretto thematisierte Kreuzrittertum. Bei Händel konvertieren die bösen Fremden letztlich zum Christentum, weil sie dessen Überlegenheit anerkennen. Solch religiösen Chauvinismus auf die Bühne zu bringen, lehne er ab, sagte Ted Huffman. Sein Trumpf kommt auch ohne Kreuz aus. 

Bockenheimer Depot, Frankfurt: 18., 20., 22., 24., 27., 29. September. www.oper-frankfurt.de

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