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Als ewige Herrschaften: Hagen Bähr (Prinz Himalaj), Bernd Hölscher (Maestro Fior), Alexandra Lukas (Prinzessin Himalaj).

Staatstheater Kassel

Overdressed, unterliebt

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Das selten gespielte Stück „Operette“ von Witold Gombrowicz in Kassel: Regisseur Rosendahl trägt fingerdick auf.

Um zuerst die boulevardeske Neugier zu befriedigen: Ja, die 250 nackten Komparsen, die das Kasseler Staatstheater kürzlich medienwirksam suchte, haben ihren Auftritt. Gerade noch konnte sich das Publikum in einer Spiegelwand selbst betrachten, da ersetzt ein Videobild das Spiegelbild: Der voll besetzte Saal des Schauspielhauses entledigt sich wie auf Kommando seiner Oberbekleidung. Und setzt damit um, was Witold Gombrowicz mit seiner Anti-Operette „Operette“ als Vision ausgab: Nacktheit. Das Fallenlassen jeder Maskerade und Verstellung. Zurück zur Natur, wenn man so will.

Man kann das hochaktuell finden, im Zeitalter von Selfie-Stick und Instagram-Inszenierung, von Narzissmus und andauernder Selbstoptimierung. Doch das 1966 entstandene und erst posthum uraufgeführte Opus des polnischen Autors atmet vor allem den Geist seiner Entstehungszeit, von sexueller Befreiung und Ideologiekritik.

Für Gombrowicz bedeutete die klassische Operette mit ihren ewigen Herrschaften, Lakaien und Maskenbällen die Verherrlichung gesellschaftlicher Unterschiede. Das Genre, dessen Theatralik und „erhabene Idiotie“ er zugleich verachtete und bewunderte, dekonstruierte er mit seiner „Operette“ radikal. Bei ihm sind die Herrschaften overdressed und underfucked, ihre schließlich gewaltsam hinweggefegte Überlegenheit gegenüber den Lakaien beruht allein auf dem Diktat von Mode und Manieren – und dem peinlichen Vermeiden jeglicher Nacktheit: „Was wäre, wenn entdeckt würde, dass unser Arsch sich gar nicht so sehr unterscheidet?“ Eine Botschaft irgendwo zwischen dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und der Distinktionstheorie von Pierre Bourdieu.

Inszeniert hat das selten gespielte Stück in Kassel der junge Regisseur Philipp Rosendahl, gerade 28 Jahre alt. Und während etliche Zuschauer nach der zweieinhalbstündigen Premiere am Samstag stehend applaudierten, malte sich auf manch anderes Gesicht reine Ratlosigkeit. Zu sehen ist ein absurdes Musical, in dem gesungen, getanzt und aufziehpuppenhaft getrippelt wird, wie sich das für ein Singspiel gehört, in dem aber auch auftreten, nur zum Beispiel: ein als Messias angebeteter Modeschöpfer (jesushaft und vierschrötig: Bernd Hölscher), ein unter rhythmischem Brechreiz leidender Intellektueller (Philipp Basener), ein Revolutionstribunal und Herrschaften, die sich auf der Flucht als Tisch oder Lampe verkleiden.

Nicht weniger als 19 Köpfe zählt das Ensemble (herausragend: Caroline Dietrich als gelangweilt-degenerierter Graf Charme). Mal klingt nach Falco, mal nach Rammstein, mal nach Rosenstolz, wie Thorsten Drücker den Text für die Inszenierung vertont hat. Auf der asiatisierenden Bühne von Daniel Roskamp stehen rote Neonröhren wie Star-Wars-Laserschwerter herum. Und auch bei Maske und Kostümen (Brigitte Schima) wird finger-, ja faustdick aufgetragen. Mit anderen Worten: Es geht ziemlich ab.

Zum Glück traut Philipp Rosendahl dem naiven Gombrowicz’schen Nacktheitskult dabei am Ende doch nicht ganz über den Weg. Kühl reagiert das entblößte Albertinchen (Meret Engelhardt), als sie zum Symbol der neuen Zeit erhoben werden soll. „Oh“, sagt die junge Frau beim Anblick ihrer Huldiger, zieht den Morgenmantel zu und geht.

Staatstheater Kassel : 10., 14., 16. Februar. www.staatstheater-kassel.de

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