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Nadezhda Karyazina (l.) und Chiara Skerath als Orpheus und Eurydike in der seltsamen Unterwelt. Foto: Monika Rittershaus
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Nadezhda Karyazina (l.) und Chiara Skerath als Orpheus und Eurydike in der seltsamen Unterwelt.

Opernhaus Zürich

„Orpheus und Eurydike“ aus Zürich: Schöne Trauer, fades Glück

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Christoph Marthaler inszeniert Glucks „Orpheus und Eurydike“als Online-Premiere am Opernhaus Zürich.

Willibald Glucks „Orpheus und Eurydike“ ist ein bezauberndes Dauerlamento, in dem das tragisch auseinandergerissene Paar am Ende mit weit mehr Glück als Verstand von Amor gerettet und vereint wird. Dass Eurydike ausgerechnet im – wie wir alle wissen: absolut entscheidenden – Moment, in dem es gilt, ohne Blickkontakt die Unterwelt zu verlassen, beklagt, ihr (auf Befehl von oben abgewandter) Mann liebe sie offenbar nicht mehr, und er sich – anstatt zügig weiterzugehen – davon ankratzen lässt: Es nervt dermaßen, dass man gerne beide im Orkus sähe. Nur die Liebe persönlich kann sich hier noch auf ihre Seite schlagen, und so ist es bei Gluck also auch.

Christoph Marthaler im Opernhaus Zürich ist ebenfalls genervt. Zähneknirschend nimmt er es hin und nutzt die Allmacht des Regisseurs, um dem glücklichen Ausgang den frohen Schwung zu nehmen. T. S. Eliots „The Hollow Men“ gehören die letzten Worte: „Zwischen Empfängnis und Geburt, zwischen Gefühl und Erwiderung fällt der Schatten. Das Leben ist sehr lang.“ Derweil werden Pizzakartons verteilt. Ein bescheidener Alltag, der auf die Liebenden am Ende wartet. Schon den „Tanz der seligen Geister“ hatte Marthaler mit am Boden wurschtelnden Unglückswesen restlos, aber nicht derb unterlaufen.

„Orpheus und Eurydike“ von zwei Orten in Zürich

Die Online-Premiere des Abends fand erneut unter den Zürcher Corona-Vorkehrungen statt: Das Bühnengeschehen im Opernhaus, im nahen Probensaal Orchester, Chor und Dirigent Stefano Montanari, ein offenkundig eingespieltes Arrangement, das am Haus kontinuierlich groß besetzte Produktionen mit oder eben ohne Publikum ermöglichte. Im Video zeigte sich erneut keine Irritation, sondern ein kompaktes musikalisches Erlebnis. Es ist gleichwohl gespenstisch, passt aber zu einer Unterweltgeschichte. Marthaler greift die Situation auch gewitzt auf, indem einer der seligen, hier: unseligen Geister lakonisch einen Lautsprecher in den (leeren) Saal hält.

Hinterm Vorhang eine klassische Anna-Viebrock-Bühne, ein tapezierter dunkler Salon, links uns rechts davon Cafeteria-Bereiche. Im Salon wird ohne Unterlass eine Urne – darin offenbar Eurydikes Asche – von Herrschaften im Agenten-Look umhergetragen. Auch ohne Sisyphosfigur würde man begreifen, dass es in der Unterwelt unerträglich sinnlos ist.

Orpheus in Zürich bezirzt Publikum und Hölle

Zwischen tanzenden oder eher turnenden, außerdem zuckenden und fallenden Wesen (Schauspielerinnen, Schauspielern, Statisten, eine eingeschworene Marthaler-Schar) sucht Orpheus seinen Weg. Da er, wie jedermann außer ihm sieht, bereits vor Ort ist, sind die anderthalb Stunden ein einziges mysteriöses Abwarten. Wie wunderbar, diese Zeit mit Nadeshda Karyazina als singendem Helden vorerst im gelben Wollleibchen (an einen Harnisch denkt man zuerst, aber Orpheus ist durch und durch Zivilist) zu verbringen, deren Mezzo auch als Alt in enormen Tiefen fasziniert. Denn verwendet wird die von Hector Berlioz eingerichtete Fassung, die anstelle einer hohen Männer- eine tiefe Frauenpartie vorsieht, und Karyazina warme, volle, abgeklärte, wirklich ungewöhnlich tief timbrierte Stimme belegt die Güte dieses Einfalls auf Innigste.

Zumal die Frauenstimmen jenseits des Chores und der Schauspielereinlagen unter sich bleiben: Chiara Skeraths sanfter, milde klagender und Alice Duport-Perciers glockenklarer, sehr kühler Sopran sorgen für ein Tableau des Wohlklangs. Eurydike im blauen Tüll ist ein besonders stiller und doch unruhiger Geist. Als die von Karyazina-Orpheus ebenfalls bezirzten Höllenbewohner den Weg frei machen, wird die Urne ferngesprengt (und der Eindruck von höllischer Geheimdiensttätigkeit bestätigt).

Die Liebe aber ist eine adrette Blondine, die Locken unterm Markenkopftuch. Macht sie die Menschen glücklich? Da ist man sich nicht mehr sicher.

Opernhaus Zürich: als Video noch bis 5. April auf www.opernhaus.ch

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