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Pluto holt sich die mehr als bereite Eurydike.

Salzburger Festspiele

„Orpheus“ in Salzburg: Die hohe Kunst der totalen Albernheit

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Barrie Kosky wird mit Offenbachs „Orpheus“ in Salzburg spielend fertig.

Dass Unterhaltungskunst an die Akteure höchste Anforderungen stellt, also eine todernste Fertigkeit ist, wissen Zirkusleute, aber Theater lassen an dieser Stelle gerne sieben gerade sein und glauben, das ginge ganz leicht. Sieben gerade sein zu lassen, ist aber schwierig. Hingehuschelte „Orpheus in der Unterwelt“-Inszenierungen pflastern den Weg der Langzeitabonnentin, dazwischen sollen es dann Schauspielregisseure richten, die das Stegreifüberkandidelte erneut erfinden, aber alles ist wie üblich oder noch harmloser (Armin Petras 2016 in Stuttgart, wie konnte ihm das nur passieren). Oder es wird inhaltlich ernst. Damit hat Salzburg Erfahrung. Die Musik nimmt Rache für beides, aber für Luschigkeit noch mehr.

Barrie Kosky ist von anderem Schlag. An der Komischen Oper Berlin hat er mit zahlreichen Produktionen aus dem sogenannten leichten Fach gezeigt, wie man das macht und wie groß die Mühe ist, die man darauf verwenden muss. Etliche Male waren auch der Choreograph Otto Pichler und eine mittlerweile offenbar recht eingeschworene Tanztruppe dabei – etwa in Paul Abrahams „Ball im Savoy“, in Offenbachs „Belle Hélène“ oder Oscar Straus’ „Perlen der Cleopatra“, denn verlorene Schätze sind zu heben. Selbst Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“ ist dafür ein Beispiel. Was nämlich tun mit den wirklich sehr langen Dialogen, die die enorme Musik schier erdrücken?

Bei den Salzburger Festspielen zeigt Kosky im Verein mit Pichler nun die Lösung, ein für alle Mal. Der Schauspieler Max Hopp als John Styx (vormals Prinz von Arkadien) spricht sämtliche Dialoge auf Deutsch, zu denen das internationale, Französisch singende Ensemble bloß die Lippen bewegt. Aber was heißt hier bloß. Das ist, sofern man es aus einiger Entfernung beurteilen kann, hervorragend einstudiert, eine nahezu vollendete Synchronizität.

Hopp, teuflisch gefordert, aber eisern bei der Sache, liefert dazu noch die weiterhin erforderlichen Geräusche beim Laufen und Leiden, beim Lechzen und Türöffnen, ein ausführliches Tapp-Tapp, Schlurf-Schlürf, Quiek-Quiek, Schlapp-Schlapp und Quietsch-Knatsch unter besonderer Berücksichtigung des Schlurf-Schlürf und Schlapp-Schlapp. Denn eine akustische Feuchtigkeit liegt über dem Ganzen, eine beträchtliche Schlüpfrigkeit. Das Frivole, es breitet sich unverhohlen aus und auf eine mitreißende Art sorgenfrei. In Koskys „Orpheus“ geht es viel offensiver um die Frage, wer den Längsten hat (merkwürdigerweise wohl Eurydike), als etwa um die Frage nach dem tieferen Sinn. Aber so oberflächlich ist es nicht, einmal die Oberfläche zu feiern.

Schon der im prächtigen Zierrahmen montierte Goldvorhang macht klar, dass im Haus für Mozart auf den Putz gehauen werden wird. Rufus Didwiszus hält den Aufwand für die Bühnenbilder in Grenzen, dass sich Eurydikes teils gemaltes Schlafzimmer und ihr Gemach in der Hölle gleichen, dokumentiert aber auch, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen ist. Fad ist es noch überall. Auf dem Olymp gibt es eklatante Leuchtkörper, die etwas Zweideutiges haben, aber nachweislich ist es nicht direkt. Der gewaltige Berg selbst, auf dem die Götter schlummern und sich anständig langweilen, besteht dann tatsächlich ausschließlich aus Menschen, wie sich zeigt, als die Menge auseinanderstiebt. Auch so eine lässig perfekte Szene.

Denn: Der Regisseur ist zwar ein fürchterlicher Vielarbeiter, dessen Münchner „Agrippina“ nur wenige Wochen zurückliegt und dessen „Bassariden“ von Henze im Oktober die erste Spielzeitpremiere an der heimatlichen Komischen Oper sein werden (auch wieder mit dem Choreographen Pichler). Aber sein untrügliches Gefühl für Personenführung, sein handwerkliches und vermutlich psychologisches Geschick darin, aus Sängerinnen und Sängern Wahnsinnsdarsteller zu machen, verlässt ihn auch hier nicht. Während Hopp seine intensive Dienstleistung vollbringt, zumeist diskret sich an die Figuren drückt und redet, lautmalt und auch rülpst, sind der divenhafte Dummkopf Orpheus, seine angeödete, lebenslustige Frau, die im Übermaß verblödeten Götter (verboten dumm: Mars) ihrerseits sehr engagiert. Die glamourösen Kostüme von Victoria Behr erleichtern das gewiss.

Das Tempo ist hoch, das Nummernhafte der Musikszenen wird genüsslich betont, die turbulenten Balletteinlagen werden lapidar eingeschoben. Der Cancan ist von der klassischen Extraklasse, die Kosky offenbar bestellt hat (macht es klassisch, muss er gesagt haben, aber so gut, wie die Leute es noch nie gesehen haben).

Es ist nicht gemein zu sagen, dass das Ergebnis unfassbar albern ist. Das ist sein Ziel, Albernheit, der Abend ist ein Hoch auf sie, diese leichteste, unvernünftigste, wildeste Variante der Lebensfreude. Wohingegen die Musik selbst sich gedämpfter gibt, hier ein Gegensatz, der einem gelegen kommen kann. Der Schönklang der Wiener Philharmoniker unter Enrique Mazzola ist kühl, manchmal fast etwas matt im Klamauk, aber die Perfektion auf der Bühne findet ihre Entsprechung selbst in den melodischen Paukenschläglein. Der Chor des Vocalconsort Berlin spielt großartig mit. Das Solistenensemble zeigt sich spielend von der Rampensauseite, sängerisch liefern Kathryn Lewek als rigorose Eurydice, Martin Winkler als total selbstironischer Jupiter, Marcel Beekman als dreister Pluto oder Joel Prieto als Jungstar Orphée zierliche Feinarbeit ab.

Interessant ferner, dass Kosky die einflussreichste und gegenwärtigste Figur im Stück zwar mit der Liebe behandelt, die er seinem Personal insgesamt angedeihen lässt, aber nicht in den Vordergrund schiebt. Die große Anne Sofie von Otter spricht ihren Eingangsmonolog in ihrer schwedischen Muttersprache – keine Sorge, Hopp dolmetscht –, sie zeigt sich in reinlichem Schwarz und mit Mittelscheitel als lupenreine Protestantin, so lupenrein, dass sie nicht einmal unsympathisch ist. Ein entspannt wirkender Umgang mit dem Druck, den sie ausübt – allerdings nicht anonym, von Otter ist das Gegenteil von anonym – und der im echten Leben am Premierentag durch den Fall Domingo auch die Festspiele selbst wieder erreichte (FR v. 15. 8.). 

Termine

Salzburger Festspiele, Haus für Mozart: 17., 21., 23., 26., 30. August. www.salzburgerfestspiele.at

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