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Sie schießt, aber man kann es ihr nicht vorwerfen. Jenifer Lary als Lulu. Susanne Reichardt
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Sie schießt, aber man kann es ihr nicht vorwerfen: Jenifer Lary als Lulu. Susanne Reichardt

„Lulu“ in Heidelberg

Oper „Lulu“ in Heidelberg: Das Mysterium, die Leere

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Mit einer phänomenalen Titelheldin kann das Theater Heidelberg die Oper „Lulu“ zur Online-Premiere bringen.

Der Komponist Eberhard Kloke, Jahrgang 1948 und mit seinen verschlankenden Bearbeitungen großer Musiktheaterwerke wahrlich ein Mann der Stunde, hat auch Alban Bergs „Lulu“ vor mehr als zehn Jahren in einer eigenen Fassung für Soli und Kammerorchester-Besetzung vorgelegt. Bei der Inszenierung am Theater Heidelberg spielte nun keine Rolle, dass er zudem einen (von Berg ja nicht vollendeten) dritten Akt entwickelt hat. Aber das Ranke und Transparente und doch überhaupt nicht Dürftige der Bearbeitung, die ohnehin einen fragmentarischen Charakter hervorhebt und reizvoll ausspielt, zeigt sich auch in der zweiaktigen Variante.

Elias Grandy dirigiert in Heidelberg das kleine Orchester, das jedenfalls über die heimische Musikanlage an Klangfülle nichts vermissen lässt. Zumal auch die Inszenierung von Axel Vornam im Bühnenbild von Tom Musch einen Saloncharakter betont: Die Figuren bewegen sich ausschließlich auf der von einer halbrunden Wand umschlossenen Bühne, auf der ein opulentes, sicher furchtbar unbequemes knallrotes Sitz- und Liegemöbel dominiert. Durch schwingende Türen können sie den Raum zwar verlassen, auch wird nachher die kleine Drehbühne eingeschaltet, aber es bleibt eng und übersichtlich. Vornam spielt mit dieser selbstgewählten Begrenzung, die Szenen abgezirkelt und konzentriert, nicht karg – dafür ist das Lichtkonzept (Ralf Kabrhel) zu ansehnlich –, aber eben hochdosiert. Seltene Videos (Stefan Bischoff) vervielfachen Lulu, deren „fotorealistisches“ Porträt auch auf vier Lulu-Buchstaben als Raumdekoration ausgestellt wird. Niemand hat gesagt, dass der Maler ein genialer Künstler ist.

Der Platz, der da ist, und die gesamte Aufmerksamkeit gehören in erster Linie Lulu selbst: dem erstaunlichen Heidelberger Ensemblemitglied Jenifer Lary aus Wien, die die Partie mit Leichtigkeit und geradezu kecker Nonchalance bewältigt. Das steht einer Lulu gut zu Gesicht, ist aber eine Rarität. Es sitzen die Höhen, und der Atem geht ihr nicht aus. Dass es sich hier um ein zermürbendes Abenteuer für eine noch so bewegliche Sopranstimme handelt, davon merkt man an den Bildschirmen nichts.

Auch die Ruhelosigkeit, die hinter den Kulissen durch den endlosen, fast schon ironischen Kostümreigen von Cornelia Kraske entstehen muss, bleibt unsichtbar. Lulu kehrt lediglich ohne Unterlass als eine andere zurück, neue Haare, neuer Chic, sie selbst gleichmütig, ohne Eitelkeit, ohne Eigensinn, weder gestelzt noch scheu. Dass Lulu das Zentrum des Geschehens ist, dass in diesem Zentrum aber schon seit Wedekind eine eigenartige Leere oder ein undurchschaubares Mysterium oder beides herrschen, wird hier zum starken Bild. Lulu ist keine interessante Frau, das ist ja gerade das Interessante.

Die Männer um sie herum: schwirrend und episodenhaft, zugleich erdenschwer und hilflos. Der agile Bass von Wilfried Staber als Schigolch, der gewichtige Bariton von James Homann als Dr. Schön oder der schneidende Tenor von Corby Welch als Alwa, sie flankieren bloß das Wunderwerk Lulu. Der Gräfin von Geschwitz, Zlata Khershberg, fehlt gewissermaßen der finstere Schlussteil, um über sich hinauszuwachsen. Interessant in diesem Zusammenhang, wie traurig, ernst und endgültig das Ausblenden nach dem zweiten Akt in Heidelberg wirkt.

Das Abstandhalten ist im Übrigen erneut kein Problem. Regisseur Vornam macht es sich konterkarierend zunutze, indem die Geschwitz besonders weit weg ist, wenn sie just von Nähe singt.

Man ist es kaum noch gewöhnt, dass nicht ohne weiteres weitergestreamt wird. Die Heidelberger „Lulu“ wartet nach der geglückten Online-Premiere jetzt stattdessen auf analoge Aufführungen. Es ist sicher klug, das orts- und zeitgebundene einer großen Inszenierung zu betonen, aber es ist natürlich auch schade. Da muss man sich jetzt eine Notiz machen und das Beste hoffen.

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