Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hänsel und Gretel, elastisch.
+
Hänsel und Gretel, elastisch.

Oper

„Hänsel und Gretel“ im Staatstheater Mainz: Es war in der Erdbeerzeit

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Humperdincks „Hänsel und Gretel“, sonst eher ein Fall für den Advent, beendet überaus sinnig die Lockdown-Monate im Großen Haus des Staatstheaters Mainz.

Hinterher will man zwar trotzdem einen Weihnachtsbaum kaufen, aber es gibt keinen triftigen Grund, Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ für saisonal zu halten. Im Gegenteil werden hier Erdbeeren gepflückt, Tautropfen funkeln in der Sonne, und es ist möglich, im Freien zu übernachten, ohne zu erfrieren. Auch wenn dafür die einschlägigen 14 Englein gewiss zu jeder Jahreszeit sorgen könnten, spielt die Handlung offenbar im Frühsommer, und es ist logisch und angemessen, dass das Staatstheater Mainz die Rückkehr ins Musiktheater vor Ort mit dieser Oper feiert.

Einer Oper, deren kompositorisches Großformat vielleicht an einem unweinerlichen Junitag erst recht auffällt: die brünnhildische Komponente von Gretels „Kikeriki“, die Verwandtschaft zwischen Hexen- und Mime-Gesäusel. Es mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hermann Bäumer einen ganz unpossierlichen Humperdinck dirigiert, einen ernsten, in die Breite gehenden. Und dass Maren Schwiers Gretel bei aller Kindhaftigkeit in Gestalt und Spiel als Sopran einen Dreh ins Dramatische hat. Alexander Spemann als Knusperhexe ist ohnehin von luxuriösem Tenorformat. Erik Raskopf – zuständig für Regie und Ausstattung – hat ihn als stramme Scharteke aus dem 19. Jahrhundert zurechtgemacht. Nichts Volkstümliches haftet ihr an. Die Frisur sitzt.

Auch im Mainzer Großen Haus ist nichts normal, aber dafür hat sich eine schicke Lösung gefunden. Die Premiere ist als „halbszenisch“ angekündigt, es geht jedoch lebhaft zur Sache. Das Orchester ist in drei Blöcke geteilt, dazwischen schlängelt sich ein besonders schlängeliger Weg, der hinten in einem Waldprospekt endet. Hager und ungemütlich Weg und Wald, mehr Expressionismus und Tim Burton als Märchenglanzbild. Das Hexenhaus bleibt vage, der Süßkram reizt wenig, das Gartentor gehört eindeutig in einen Gruselfilm.

Dirigent Bäumer steht sehr hoch, vielleicht damit auch die weit hinten postierten Blasinstrumente noch etwas sehen. Dafür, dass die Musiker und Musikerinnen Schwierigkeiten haben dürften, sich gut zu hören, funktioniert das gut. Die Stimmen kommen zur Geltung. An Gretels Seite hüpft Solenn’ Lavanant-Linke, auch sie flink und fidel, ohne sentimentale Niedlichkeiten und mit beweglichem, tragendem Mezzo. Ein kleiner, forscher, überforderter Junge.

Raskopf entwickelt die Handlung klassisch, aber herb. Er macht im Hintergrund einen Punkt, indem es von Anbeginn an die Hexe ist, die die Fäden zieht. Auch Mutter und Vater, Linda Sommerhage und Peter Felix Bauer, werden schon von ihrem Zauberstab (Zauberkrückstock) manipuliert. Von der Hexe bekommt die Mutter zudem zur Ouvertüre die Unglück bringende Milch geschenkt. Ein Gruseleffekt in einer unbehaglichen, insgesamt wenig psychologischen Lesart – einer Lesart, die die Psychologie der Fantasie des Publikums überlässt.

Möglich waren noch ein paar Spielereien. Für den eingesperrten Hänsel kommt ein Holzkäfig von der Decke herunter, Taumännchen, Heejoo Kwon, kann fliegen, Sandmännchen, Yuuki Tamai, entzündet Kerzen für die schlafenden Geschwister, die im Vollmondlicht attraktiv glimmen. Es gibt ein rotglühendes Loch im Boden, in das die Hexe hineingeworfen werden kann. Als Hänsel und Gretel auch den vorzüglich singenden, darstellerisch sympathisch dilettierenden Kinderchor gerettet haben, taucht endlich der Herr Vater auf, um direkt die Schlussnummer zu singen.

Wie die Erwachsenen zu spät kommen, von den Kindern aber dennoch begeistert und erleichtert empfangen werden; wie die Kinder, die eben noch alles geregelt haben, sich gutwillig belehren lassen und in den Chor einstimmen: Es ist immer wieder verblüffend und aufschlussreich, das zu sehen. Die Mainzer Produktion legt es friedfertig bloß. Selbst beim Einlasspersonal bedankte sich das Publikum im Anschluss für den schönen Abend.

Staatstheater Mainz: 16., 23. Juni. Hinweise zum aktuellen Prozedere (Testpflicht etc.) auf der Homepage. www.staatstheater-mainz.com

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare