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Oper „Grete Minde“ in Magdeburg: Recht und Liebe

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Von: Judith von Sternburg

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Umherschweifend mit Kind: Raffaela Lintl als Grete Minde. Foto: www.AndreasLander.de
Umherschweifend mit Kind: Raffaela Lintl als Grete Minde. © Andreas Lander

Die Oper „Grete Minde“ des ermordeten Berliner Juden Eugen Engel, in Magdeburg uraufgeführt.

Dass es in Theodor Fontanes „Grete Minde“ auch noch um Recht und Unrecht, um Rechtsempfinden und Unrechtsbewusstsein geht, ist eine weitere von mehreren teils schicksalhaften, teils ganz menschengemachten Volten an diesem Abend: einer um etwa 90 Jahre verspäteten Uraufführung, einem beträchtlichen musikalischen Erlebnis.

Auch der aus Ostpreußen stammende Berliner Eugen Engel (1875-1943) musste als Jude versuchen, seinen deutschen Landsleuten und Mördern zu entkommen, erst in die Niederlande, dann hoffte er auf ein Visum für Amerika. Als die kubanische Botschaft endlich eine Zusage gab, scheiterte die Ausreise. Von Amsterdam aus wurde er über das Lager Westerbork in das KZ Sobibor verschleppt und dort umgebracht, 67 Jahre alt. Auch neun Geschwister überlebten den Holocaust nicht.

Seine Tochter, die mit ihrer Familie in den USA Rettung gefunden und sich vergebens bemüht hatte, den früh verwitweten Vater nachzuholen, besaß eine Truhe mit seinem Nachlass. Dazu gehörte eine Oper, für deren Aufführung Engel sich noch Mitte der dreißiger Jahre in Berlin eingesetzt hatte, ein da bereits aussichtsloses Unterfangen. Und ein ungewöhnliches, war Eugen Engel doch als Kaufmann tätig gewesen und hatte zwar musikalischen Unterricht genommen, aber nie ein herkömmliches Musikstudium absolviert. Kleinere Stücke waren zur Aufführung gekommen, für die Oper gab es Lob aus berufenem Munde (etwa von dem Dirigenten Bruno Walter), aber nicht den Hauch einer Aufführungschance. Die Familie, erzählte später die Enkelin, wussten natürlich davon, die Mutter träumte noch in den USA von einer Aufführung, aber erst nach ihrem Tod sahen sich die Enkelkinder den Inhalt der Truhe selbst an. Sie fanden etliche Partituren ihres Großvaters, Kammermusik, Lieder, und eben die abendfüllende, dreiaktige Oper „Grete Minde“. Eine saubere Partitur, ein Klavierauszug, alles fertig und bereit.

Inzwischen war ein Stolperstein vor Eugen Engels letzter Berliner Wohnung in der Charlottenstraße geplant. Ein Hobbysänger und Musikenthusiast erfuhr davon, wurde neugierig, fragte die Noten an, war begeistert, kannte zufälligerweise die Magdeburger Generalmusikdirektorin Anna Skryleva und machte sie darauf aufmerksam.

Auch sie war beeindruckt von der Qualität wie schon Eugen Engels Zeitgenossen. Diesmal aber konnte eine Aufführung realisiert werden, an einem Theater, das nicht weit entfernt ist von Tangermünde – der Stadt, die Fontanes Novellenheldin Grete Minde anzündet, nachdem sie schändlich schlecht behandelt worden ist. Es ist nicht recht, eine Stadt anzuzünden, natürlich nicht, und der große Brand von 1617 wurde von der historischen Grete Minde auch gewiss nicht verursacht. Ein grauenhafter Justizskandal, so dass sich die Geschichten vom Unrecht immer weiter in die Vergangenheit fortsetzen, in die Zukunft selbstredend auch. Das Libretto stammt von dem Autor Hans Bodenstedt, seinerseits in Magdeburg geboren und – das ist entsetzlich und grotesk – nach 1933 ein höchst aktiver Nazi, der wiederum nach 1945 beim Kinderfunk des NWDR unterschlüpfte und dort mit einer Figur namens „Funkheinzelmann“ reüssierte (Wikipedia führt Bodenstedt als „Funkpionier“).

Eine große Oper, sehr viel Richard Wagner – wenn Tangermünde brennt, hat Loge das Streichholz geworfen –, sehr viel Richard Strauss, dazu eine veristisch anmutende Klangwelt mit Glockengeläut, mit durcheinanderquasselnden Leuten, Kinderliedchen, Kirchengesang, Volksmusik, Fernorchester, das in die Musik aus dem Graben grätscht. Großer Chor und Kinderchor (in Magdeburg aus Corona-Gründen der Frauenchor), ein gutes Dutzend Solistenrollen. Alles ist da, nur nicht der Eindruck, dass das die einzige Oper, überhaupt die einzige umfangreiche Komposition eines auf Tuch spezialisierten Kaufmanns sein könnte. Versuche, das Werk an einem Theater unterzubringen, werden vor 1933 auch am geforderten Aufwand gescheitert sein.

In Magdeburg, wo sie ihn nicht gescheut und die Kräfte klug eingeteilt haben, präsentieren Anna Skryleva und die Philharmonie eine teils delikate, teils bodenständige Spätromantik. Der bewegte Chor (einstudiert von Martin Wagner), musikalisch ein wichtiger Protagonist, wird auch von der Regisseurin Olivia Fuchs lebhaft eingesetzt. Die Inszenierung zielt auf sympathische Weise darauf ab, einer Großtat erstmals eine Bühne zu geben – ein seriöses Uraufführungsgeschehen, wobei Fuchs und ihre Ausstatterin Nicola Turner schon versuchen, die Zeit der Entstehung dezent mitlaufen zu lassen. Wehrmachtssoldaten ziehen auf einem unaufdringlichen Video zur fidelen Marschmusik vorüber. Man trägt die Mode der 1930er, 1940er Jahre, während der markante Hanswurst der Fahrenden Truppe, der sich Grete und ihr Geliebter Valentin anschließen werden, auf seinem Bilderbogen zum 17. Jahrhundert entsprungen scheint. Auf der mehrstufigen Bühne ein paar Truhen. Engels Nachfahren fanden darin die Partituren, in Magdeburg enthalten sie Spielpuppen und bunte Bänder in einer ansonsten tristen Welt.

Zur kurzen, auffahrenden Ouvertüre ist Grete Minde schon da, Raffaela Lintl mit schönem jungen Sopran und intensivem Spiel, in Erwartung von Glück und Frühling. Fast genauso wird sie wieder umherschweifen, wenn sie – mit ihrem und Valentins Kind und ohne Aussichten – in die Heimat zurückgekehrt ist. Hoffnung und Verzweiflung, die beiden Seiten derselben Leidenschaftlichkeit. Grete, die Recht und Liebe fordert, ist das Zentrum der Oper, Lintl das Zentrum des Abends, die verachtete Außenseiterin, die sich nicht klein macht. Um sie herum muss das Haus ein großes, auch in seiner Spielfreude herausgefordertes Ensemble aufbieten, was gut gelingt. Herausragend etwa Kristi Anne Isene als missgünstige Schwägerin Trud, Zoltán Nyári wird überzeugend mit der zehrend hochliegenden Valentin-Partie fertig.

Dass es sowohl der Musik als auch in der Inszenierung nicht leicht fällt, mit dem gewaltigen Brand am Ende fertig zu werden – Engel hat mit der „Götterdämmerung“ immerhin ein großes Vorbild, kann es in diesem Moment aber nicht recht weiterentwickeln, Fuchs muss sich mit Tableaus der Erschütterung begnügen –, ist keine Schande. Skryleva stellt sich unbedingt vor, dass „Grete Minde“ nachgespielt werden kann und Repertoirefähigkeit hat. Das Theater Magdeburg hat wirklich alles dafür getan.

Theater Magdeburg: 26. März. www.theater-magdeburg.de

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