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Oper „Brokeback Mountain“ in Gießen: Der Berg und die Seelen

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Sie tragen das Gewicht der Oper und der Welt: Jack und Ennis, Samuel Levine (l.) und Sebastian Noack
Sie tragen das Gewicht der Oper und der Welt: Jack und Ennis, Samuel Levine (l.) und Sebastian Noack © Rolf K. Wegst

Charles Wuorinens kompromisslose Oper „Brokeback Mountain“ im Stadttheater Gießen.

Eine zackige Linie im Schwarzweißgrau des Bühnenprospekts umreißt die unzugängliche Berg-Silhouette, und als Jack sich erinnert, aus dem Fenster seines Kinderzimmers den Brokeback Mountain gesehen zu haben, ahnt man, dass seine Kindheit kein Ponyhof gewesen sein kann. Ennis findet im Rückblick seine Eltern so lala. Und er weiß, was er will: Kinder, Familienleben, Arbeit in der Landwirtschaft. Sagt er nach der ersten Liebesnacht mit Jack.

Nein, schwul seien sie nicht, versichern Jack und Ennis sich gegenseitig. Das wäre auch im Wyoming der 1960er Jahre ein Problem. Ennis erinnert sich an einen brutalen Fall ländlicher Lynch-Justiz an einem Rancher, den man verdächtigte, schwul zu sein. Sein Vater, möglicherweise einer der Täter, hatte den neunjährigen Ennis gezwungen, die geschundene Leiche anzusehen.

Charles Wuorinens Oper „Brokeback Mountain“ nach der Erzählung und zum Libretto von Annie Proulx, besticht mit krassem Klartext und hartem Naturalismus. Cathérine Mivilles Inszenierung im Stadttheater Gießen spielt in Lukas Nolls weitgehend schwarzweißem Bühnenbild, nur zu raren Gelegenheiten gibt es ein paar blühende Almen-Quadratmeter.

Zum Realismus gehört auch die Verzeichnung von Jahreszahlen; man kann ausrechnen, dass Jack 19 ist, als er und Ennis sich 1963 kennen und lieben lernen. Schon da fehlt ihnen jeglicher jugendliche Überschwang. Nach einer zwanzig Sommer währenden heimlichen Liebe stirbt Jack bei einem rätselhaften Unfall.

Ennis bleibt allein zurück. Man hört in Wuorinens musikalischer Gestaltung der Schlussszene und in Sebastian Noacks Gesang, wie entsetzlich allein er ist.

Sebastian Noack (Ennis) und Samuel Levine (Jack) tragen das Gewicht der Oper und der Welt. Sie tun das ausdrucksstark, lyrisch und in einer prägnant widersprüchlichen Verbindung von Gemeinsamkeit und Einsamkeit. Wuorinen hat ihnen ein einziges symbiotisches Duo geschrieben, kompositorisch und sanglich ein Höhepunkt des Abends.

Auf der Bühne herrscht eher norwegisches als amerikanisches Erzähltempo. Eine Geisterszene (Lureens Vater bereitet aus dem Jenseits Jacks Unfall vor) und eine Beobachtungsszene, in der Aguirre sieht, was seine beiden Sheepboys (aus Mangel an Kühen gibt es keine Cowboys) auf dem Berg tun, sind per Video (Marc Jungreithmeier) eindrucksvoll schlüssig ins Bühnenbild gefügt. Ansonsten respektiert Cathérine Mivilles Inszenierung Annie Proulx’ Naturalismus. Sie erzählt keine Nebengeschichten oder Assoziationen, bleibt nahe bei den beiden gebrochenen Helden.

Während in Ang Lees Film (2005) der Berg als Idylle erscheint, zeichnet Wuorinens Musik mit bedrohlichen, erregenden, scharfen Kommentaren eine andere Landschaft. Die Musik stellt ein Kontinuum zwischen der Natur und den Seelenzuständen beider Helden her und ist in ihrer tonalen Kompromisslosigkeit und kantig-präzisen Klangkonzeption Trägersubstanz der Handlung und der Charaktere. Auch die Gattinnen Alma (in der Premiere Hailey Clark, in weiteren Vorstellungen Antonia Bourvé) und Lureen (Ilseyar Khayrullova) haben es nicht leicht.

Unter der Leitung von Fabrizio Ventura klang die Arbeit des Philharmonischen Orchesters Gießen in der Premiere glänzend genau, schroff und bewegt (in weiteren Vorstellungen übernimmt Martin Spahr die musikalische Leitung). Die famose Orchesterarbeit und die spielerische und stimmliche Präsenz der beiden Hauptpartien gehören zu den starken Momenten, deren Wirkung die Inszenierung keine Umwege auferlegt.

Stadttheater Gießen: 4., 18. März, 9., 29. April, 15. Mai. www.stadttheater-giessen.de

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