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„Onkel Wanja“ am Schauspiel Frankfurt: Und die Welt dreht sich, und der Schnee fällt

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Von: Judith von Sternburg

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„Onkel Wanja“ am Schauspiel Frankfurt, hier Wolfram Koch als Arzt Astrow und Melanie Straub als Elena. Foto: Thomas Aurin
„Onkel Wanja“ am Schauspiel Frankfurt, hier Wolfram Koch als Arzt Astrow und Melanie Straub als Elena. Foto: Thomas Aurin © Thomas Aurin

„Onkel Wanja“ in Jan Bosses Herbstversion eröffnet die Saison am Schauspiel Frankfurt.

Die Bühne ist ein Ort, den eine Figur nicht ernsthaft verlassen kann. Tut sie es doch, spielt sie nicht mehr mit, das zählt nicht. Außerdem kann man auf einer Bühne nur wirklich arbeiten, wenn man eine Schauspielerin oder ein Schauspieler ist. Anton Tschechows „Onkel Wanja“, in dem es um beides geht – das Festsitzen und die Untätigkeit –, ist auch in dieser Hinsicht ein perfektes Theaterstück. Sicher wird es zu oft gespielt, und ist doch auch jetzt am Schauspiel Frankfurt die unmittelbar ansprechende Saisonstart-Premiere.

Denn in Jan Bosses recht unangestrengter Lesart und Stéphane Laimés Bühnenbild wird das wieder besonders deutlich, das verfluchte Nichtstun und das Gejammer darüber, während sich die Welt gleichmütig weiterdreht, jedenfalls meistens. Der Ort ist eine Rohbauruine, Planen statt Fenster, Wände nie verputzt gewesen, die Holzteile modern schon wieder, es gibt kein Dach, bloß ein paar Plastikstühle mit Materialschwäche und einen improvisierten Brettertisch. Darauf steht allerdings ein einfaches, offensichtlich schmackhaftes Abendessen, von Telegin serviert und ein Spiegel seines Glücks, das meist als Trottelhaftigkeit abgetan wird – in Frankfurt tüchtig gegenbesetzt mit dem jungen Torsten Flassig, der sehr vergnügt einen Simpel spielt.

Schwer vorstellbar, dass hier je alles in Schuss war. Inzwischen sind selbst die Pflanzen vertrocknet, Folge wohl des klimafeindlichen Besuchs von Onkel Wanjas Schwager und dessen zweiter Frau. Beider lähmende Anwesenheit hat aus einem nicht erfreulichen, aber tätigen Leben auf dem Lande ein nicht erfreuliches, aber schlaffes Leben gemacht.

Recht unangestrengte Lesart: Der Boden der Drehbühne ist weiß und zudem weiß verschneit schon im Sommer, Pulverschnee, wie er am Ende, wenn es tatsächlich Winter wird und die Menschen wie auf Schlittschuhen gleiten (weil oder damit mal was passiert?), noch ausführlich fallen wird. Von der Drehbühne ins Schwarze nach außerhalb hüpfen oder huschen die Figuren, wenn sie sich kurz oder länger an das Publikum wenden wollen. Dann mag man sie ganz gerne, wobei Tschechow-Figuren nicht sympathisch sein müssen, damit man sie nur zu gut versteht.

Das Ensemble tummelt sich hier und dort, Melanie Straub verwächst gegen Ende kurz mit einem der vertrockneten Pflanzenskelette, Wolfram Koch kauert einmal wie ein Nachtmahr in der Wand. Zu verschwinden, das wäre immerhin etwas. Es geht nicht, aber man hat Zeit, es zu versuchen, auch wenn man an sich ständig auf dem Sprung ist. Das Leben ein „Eigentlich müsste man jetzt“. Alles befindet sich in einem Dazwischen, trotzdem kommt nichts nach. Und wenn doch, nutzt es nicht unbedingt etwas: Mit dem schönsten Dazwischen – dem von Sonja, die damit leben kann, nicht zu wissen, ob der Arzt Astrow sie womöglich zurückliebt – wird auch eine Freude zerstört.

Um diesen Dazwischen-Zustand auszuhalten, in dem sie sich alle eingerichtet haben, gibt es immer wieder Musik (Carolina Bigge und Arno Kraehahn, live Bigge und Ralf Göbel), bisschen folkloristisch und zwischendurch zum Tanzen, dazu ein trauriger Popsong für Sonja. Alles nichts Besonderes, alles so oder ähnlich oft gesehen. Aber das sind auch keine besonderen Leute, einfach Menschen. Manchmal schreit einer, manchmal zappelt einer.

Bosse und das Ensemble zeigen und spielen das, wie heute Theater gezeigt und gespielt wird, auf Draht, elastisch, diesmal aber nicht manieriert, sondern entspannt und wie mit einer Spur von Abstand. Vielleicht liegt es immer noch an der langen Coronapause, dass man die Figuren sieht, aber zugleich immer auch die Schauspieler und Schauspielerinnen, wie sie das spielen. Es gefällt einem, wie sie das tun in ihrem eigenartigen Beruf. Vielleicht liegt es aber auch an dem Ton, den Bosse anschlagen lässt, eine feine, leicht ironische Spannung, als könnten sie jederzeit anfangen zu lachen und dann in die Kantine rübergehen. Dazu peppige Kostüme von Kathrin Plath, die für viele Produktionen geeignet wären. Die Männer mit verlängertem Haar, Koch außerdem mit Extremschnurrbart und einem Fahrrad, für das er das Motorrollergeräusch dazutrötet.

Viel Garderobe hat sich vor allem Elena mit aufs Landgut gebracht, wo sie jetzt nur wenige Personen (uns, das Publikum, sieht sie nur zwischendurch) mit Großstadt-, Western- und Gartenlook betören kann. Darauf legt Straub es aber eher nebenher an, häufiger aalt und schlängelt sie sich aus purer Langeweile. Astrow verfällt ihr widerwillig, Koch spielt das wunderbar direkt und sozusagen objektiv. Liebe ist das nicht. Außerdem ist Elena so langweilig, wie die meisten Menschen gelangweilten Menschen selbst das Problem sind.

Großartig die Szene, in der Astrow ihr die verheerenden Abholzungen in der Gegend schildert – und „Onkel Wanja“ neben seiner psychologischen seine klimapolitische Topverfassung demonstriert – und sie sich nicht dafür interessiert. Sie begeht stattdessen einen winzigen Verrat (an Sonja), gerade in seiner Beiläufigkeit ein Beleg für Tschechows psychologische Meisterschaft. Am Desinteresse aber für die wesentlichsten Dinge geht die Welt bis heute zugrunde. Das wird nicht weiter hervorgehoben, aber dafür hat man Augen und Ohren. Dass die Zeichnungen, die Astrow von Fauna und Flora der Gegend hergestellt hat, in Frankfurt bloß spielkartengroß sind, während Koch sie ausführlich beschreibt, ist ein kleiner grotesker Mehrwert.

Auch in Frankfurt ist Sonja mitnichten hässlich, Lotte Schubert zeigt eine vernünftige junge Frau, die ohne Melodram mit dem Leben umgehen möchte. Heiko Raulin als luschiger Titelheld dreht etwas mehr auf, aber nicht so sehr, dass sein Wutausbruch am Ende nicht volle Wirkung erzielen könnte, eine Explosion, ein Anfall. Nicht einmal Peter Schröders Serebriakow, die Verhöhnung des geistig tätigen und doch dumm gebliebenen Egoisten, ist eine reine Parodie. Wenn er klagt, hört man sich und andere reden, unangenehm.

Auch Wanjas junggebliebene Mutter, Christina Geiße, wird als Altfeministin nicht bloßgestellt, bleibt als Figur allerdings beiseite. Die Beziehungen im steten inneren und äußeren Gekreisel sind insgesamt lose. Die Regie denkt nicht daran, dem Publikum bei alledem weiterzuhelfen. Die Straffung auf pausenlose zwei Stunden funktioniert ordentlich.

Ist das zu leichtgewichtig? Eher überzeugt es, dass nicht-existenzielle Probleme auch als nicht-existenzielle Probleme behandelt werden. Nicht nur in den Passagen zum Klimawandel vor 1900 und zur Verantwortlichkeit jeder Generation für die nachfolgenden ergibt sich die Relevanz von selbst. Merkwürdig auch, Charkow/Charkiw so undramatisch erwähnt zu hören, merkwürdig noch mehr das russische Lamento der Passivität. Das Leben zu ertragen, wie es eben sei, erscheint den Figuren als einzige mögliche Devise, weil man es ohnehin nicht ändern könne.

Das Premierenpublikum ist ziemlich enthusiastisch.

Schauspielhaus Frankfurt: 26. September, 6., 7., 14., 31. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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