+
Nur Rachel McMurphy (r.) hat noch den Elan, die Dinge aufzumischen.

English Theatre

„One Flew Over the Cuckoo’s Nest“: Billie Eilish im Kesey-Radio

  • schließen

Das English Theatre versucht, das Psychiatriedrama „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ in die Gegenwart zu holen.

Als Milos Formans vielfach ausgezeichneter Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ 1975 herauskam und schnell Kult wurde, bestätigte er eindrucksvoll manche mit „Anstalten“ und „Klapsmühlen“ verbundene Angst. Ken Kesey, Autor des dem Film zugrunde liegenden, 1962 erschienenen Romans, hatte Nachtschichten in zwei Kliniken geleistet, eine Kenntnis der Zustände war ihm nicht abzusprechen. Dass das Pflegepersonal mehr oder weniger seine sadistischen Neigungen auslebte, dass es nur die Aufgabe hatte, Menschen das Rebellische auszutreiben, das erstaunte nicht in einer Zeit, als viele Institutionen unter Verdacht standen. Wie aus einem Horrorschocker die Vorstellung, Ärzte und Pfleger könnten einfach mal beschließen, im Hirn eines psychisch Kranken herumzuoperieren. Die Lobotomie, eine Durchtrennung von Nervenfasern, wurde aber in den 70ern kaum noch angewandt und in Deutschland bereits gar nicht mehr, wie man bei Wikipedia lesen kann.

Das English Theatre in Frankfurt, das in dieser Saison unter dem Motto „Flirting with Madness“ sein 40-jähriges Bestehen feiert, und der Regisseur Derek Anderson haben sich nun vorgenommen, den einst berühmten „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“-Stoff in der Theaterversion Dale Wassermans auch einem jungen Publikum nahezubringen. Es holt ihn dafür komplett in die Gegenwart, was allerdings nur mittelgut funktioniert.

Das Bühnenbild Bob Baileys aus Plastikmöbeln und Milchglaswänden erinnert unmittelbar an Krankenhäuser oder Altenheime in ihrer trostloseren Variante. Zwei Bildschirme imitieren heutige Mitteilungs-Gepflogenheiten: Achtung, Gruppentherapie in Gang; Achtung, Schlafenszeit; und hier stellen wir Ihnen unser Pflegepersonal vor. Im „Kesey! Radio“ laufen zudem topaktuelle Titel von Biffy Clyro oder Billie Eilish. Und als Neuzugang Rachel McMurphy sich den anderen vorstellt: Sie sei so verrückt, sagt sie da, dass sie in zwei Jahren Donald Trump nochmal wähle. Gelächter im Publikum.

Ja, aus Randle McMurphy, im Film gespielt von Jack Nicholson, wird hier eine resolute, straßenschlaue, angriffslustige Rachel, Ewa Dina. Aus Schwester Ratched wird Pfleger Ratched, Nigel Fairs. Vier weitere junge Schauspielschul-Absolventen, Georgia Burnell, Alice Schofield, Miles Parker und Troy Alexander sind die Anstaltsinsassen, letzterer hat sein Bühnendebüt als Chief Bromden. Es ist in der Frankfurter Inszenierung die sich – durch Stottern, Schüchternheit, Depression – nicht nahtlos in die Gesellschaft fügende Jugend, die einfach weggesperrt wird. Oder sich selbst wegsperrt; denn es wird sich ja herausstellen, dass fast alle außer McMurphy gehen können, wenn sie es wollen.

An dieser Stelle muss man glauben, dass die Straftäterin McMurphy zwar durchaus gewieft und beherzt ist, über ihre rechtliche Lage aber trotz aller modernen Möglichkeiten kein bisschen informiert. Die Lobotomie ist im Jahr 2019 vollends Element einer alten Gruselgeschichte.

Diese wird in ihrem heutzutage doch unrealistischen Ausgang immerhin durch zart fantastische Einschübe gestützt, in denen Chief Bromden, zum Beispiel umflattert von weißen (Video-)Vögeln, mit seinem noch riesenhafteren Papa spricht und in denen der Chief groß, stark, selbstbewusst ist und an die Geschichte seines Volkes erinnert. Im Halbdunkel sind die anderen Darsteller ein dezenter, schattenhafter Bewegungschor (Choreografie: Jess Williams). Da ist die Inszenierung zwar auf der Höhe zeitgenössischer Theaterästhetik, aber ihre Handlung bleibt irgendwo in der Vergangenheit hängen. Dennoch werden Schulklassen vielleicht etwas draus machen können.

English Theatre: bis 19. Oktober. www.english-theatre.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion