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Es ist doch nur ein kleines Glück: Rodolpho und Cathy.
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Es ist doch nur ein kleines Glück: Rodolpho und Cathy.

Nationaltheater Mannheim

Ohne Tabletten kann sie nicht schlafen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Ein Flüchtlings-Doppelabend in Mannheim mit authentischen Zeugnissen und Arthur Millers "Blick von der Brücke".

Erstaunlich eigentlich, dass Arthur Millers 1955 uraufgeführtes Drama „Ein Blick von der Brücke“ in diesen Monaten nicht rauf und runter und wieder rauf gespielt wird: Es erzählt Migranten-Geschichten und streift auch noch die Themen Homophobie und Sexismus (wie schlecht wird die Ehefrau behandelt!). Ein „integrierter“ Einwanderer, Eddie, nimmt zunächst bereitwillig arme Verwandte aus Sizilien auf, Marco und den jungen Rodol-pho; aber als Eddies Nichte Catherine und Rodolpho ein Paar werden, ist Schluss mit der Hilfsbereitschaft. Der will doch nur deinen Pass, der ist doch schwul (er singt und tanzt gern), lauten die Vorwürfe, die natürlich bei der jungen Frau keinen Eindruck hinterlassen. Eddie verrät die „Illegalen“ in seiner Wohnung an die Behörden. Als Marco aus der Haft kommt, tötet dieser ihn.

Auf schnörkellose 70 Minuten hat am Mannheimer Nationaltheater Regisseur Burkhard C. Kosminski „Ein Blick von der Brücke“ gekürzt, denn es ist nur der erste Teil eines Doppelabends. Nach der Pause lesen die Darsteller Texte, die der Journalist und ehemalige FR-Redakteur Peter Michalzik aus Gesprächen mit in Mannheim lebenden Migranten destilliert hat. Es handelt sich um prägnante, berührende Monologe aus authentischem Material. Es ist eine Art von Zeitzeugen-Theater, wie es die Gruppe Rimini Protokoll pflegt; allerdings sitzt der Migrant, um den es just geht, hier meist still auf der Bühne oder sogar im Publikum.

Blinde Fenster, abgerissene Tapeten, ein Kasten Bier als einzige Sitzgelegenheit: Bühnenbildner Florian Etti lässt Eddies Wohnung als Baustelle erscheinen: Der eine Migrant, der es doch angeblich geschafft hat, ist immer noch seltsam unbehaust. Vielleicht pocht er darum so oft auf „Respekt“. Und tritt nach unten, auf die, die nach ihm kamen: „So ein gottverdammter Flüchtling“.

Die Tragödie kommt schnell

Die Dinge entwickeln sich schnell. Die Cousins kommen an, Cathy (Anne-Marie Lux) findet Rodolpho (Alexey Ekimov) gleich nett, Eddie (Klaus Rodewald) – ein gewisses Interesse an seiner Nichte wird mehr als nur angedeutet –, wird sofort eifersüchtig, es fällt der schreckliche Satz: „Von Rechts wegen gehörst du zurück ins Wasser.“ Anwalt Alfieri (Sven Prietz) nimmt Marco (Jacques Malan) das Versprechen ab, Eddie nichts zu tun – es hilft nichts: Marcos elende, kranke Familie blieb ohne Geld aus Amerika, er denkt nur noch an Rache.

Auch in den Flucht- und Leidensgeschichten der Migranten geht es um Familienbande. Shagufta Habibs zwei Kinder sind noch bei der Schwester in Pakistan, sie hofft Monat um Monat, sie nachholen zu dürfen. Linda Lendita Sylejmani aus dem Kosovo ist mit ihren Kindern hier: „Natürlich nehme ich Tabletten. Ohne Tabletten kann ich nicht schlafen.“ Wie Shagufta Habib wurde sie von ihrem Mann misshandelt. Ali Mohammed Abdirahman aus Somalia ist mit Frau und Kindern vereint und hat eine Aufenthaltserlaubnis, ein kleines Happy End. Modou Jarju aus Gambia ist irgendwann im Laufe seines Asylverfahrens durchs Raster gefallen: „Sie haben mich vergessen.“

Eine kleine Band – soll man sie Flüchtlingsband nennen? – sorgt auch schon im Miller-Stück für dezente Hintergrund- und Zwischenmusiken. Eine familiär-freundliche Atmosphäre entsteht. Ohnehin wird der zweite Teil nüchtern präsentiert: Die Geschichten brauchen keine inszenatorische Aufbauschung, sie sprechen tatsächlich für sich. Gleich nach der Pause haben die Schauspieler ihre Herkunft offen gelegt, Promis wie Ulrike Folkerts (bei der Premiere), Peter Rühring (am zweiten Abend), Walter Sittler, Ulrich Matthes unterstützen das Projekt durch Gastauftritte.

Es ist ein unspektakulärer, aber dichter Abend. Seine Kraft kommt aus der Tatsache, dass er sagt, wie’s ist, Flüchtling zu sein.

Nationaltheater Mannheim: 17., 30. Oktober. www.nationaltheater-mannheim.de

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