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Soziale Wärme ist selten, aber möglich: Marcel Kohler (l.) und Christoph Franken, Höppner und Frieder in "Auerhaus".
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Soziale Wärme ist selten, aber möglich: Marcel Kohler (l.) und Christoph Franken, Höppner und Frieder in "Auerhaus".

"Auerhaus"

Ohne Pubertät auch kein Theater

  • VonUlrich Seidler
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Die eindimensionale Variante: "Auerhaus" am Deutschen Theater in Berlin reiht sich ein in eine Vielzahl von Jungerwachsenendramen auf deutschen Bühnen.

Was ist denn hier los? Schon wieder ein Jungerwachsenendrama, diesmal am Deutschen Theater Berlin. Gegeben wurde eine erstickend brave Adaption von Bov Bjergs Bestseller „Auerhaus“ – der lakonische Roman über eine WG von Gerade-18-Jährigen wurde vielfach auf die Bühne gebracht, wenn auch nicht ganz so oft wie Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Ist das jetzt eine Offensive, mit der junge Zuschauergruppen erschlossen werden sollen? Nun, viel älter sind die Helden vieler Klassiker auch nicht. Außerdem stößt der Mensch in der Pubertät auf tragische Gesetzmäßigkeiten seines Daseins, die ihn bis zum Tod erhalten bleiben – und zwar nicht nur als Erinnerung, sondern als ewig frischer Schmerz.

Das Theater ist neben allem unbedingt auch eine Einrichtung, die diese Tragik abbilden und reflektieren kann. Eben weil der Mensch in diesem Alter damit anfängt, sich und seine Rolle zu reflektieren. Die Wesenseinheit von Spielen und Leben bricht auf, und im Theater kann der Mensch einerseits diese Spaltungen im Spiel überwinden, sie andererseits auch kenntlich und erfahrbar machen.

Gerade scheinen Stücke Konjunktur zu haben, die sich die postpubertäre Lebenskrise zum Thema nehmen. Die Kämpfe mit den Eltern sind für diese Runde entschieden, aber der eigene Halt ist noch nicht gefunden, was auch daran liegt, dass nicht nur bei einem selbst, sondern auch bei den Alters- und Leidensgenossen weitgehende seelische und neurologische Umbauarbeiten im Gange sind, was auf Kosten der Verlässlichkeit geht.

Wenn das Ganze vor einem Horizont historischer oder politischer Veränderungen spielt, nimmt der Betroffene diese gern persönlich, was zu Resignation oder revolutionärem Elan führt – auf jeden Fall zu Verwirrung und oft zu Schmerz. Dies ist bei der eben beim Theatertreffen gezeigten Bühnenadaption von Peter Richters Wende-Roman „89/90“ der Fall und bei dem am Gorki uraufgeführten Integrationsdrama „Get Deutsch Or Die Tryin‘“.

Wenn man zufällig in einer stagnativen Zeit – heute zum Beispiel – erwachsen wird, verringert das zwar die Chance, zum Helden oder zum Opfer veränderlicher Verhältnisse zu werden, aber das macht die Sache nicht zwangsläufig leichter. Auch das war beim Theatertreffen zu beobachten, bei den dekorativen Klugscheißern, die Ersan Mondtag für „Vernichtung“ in einem Terrarium ausgesetzt hat und die bei Sport, Sex, Drogen, faschistoidem Zynismus und Verschwörungstheorien die Zeit – auch die der Zuschauer – totschlagen.

Das Auerhaus ist fast ein utopischer Gegenentwurf aus den windstillen 80ern in der westdeutschen Provinz: ein Refugium der sozialen Wärme. Das nach einem Madness-Song jener Zeit benannte Haus gehört dem gestorbenen Großvater von Frieder. Dieser (Christoph Franken) hat einen Selbstmordversuch überlebt und findet nun in neuer Umgebung, unter der Obhut seines Freundes Höppner (Marcel Kohler) und weiterer Altersgenossen leider nur vorübergehend zurück ins Leben.

In der Regie der 1983 in Tirol geborenen Nora Schlocker sind die Figuren ausgesprochen harmlos und eindimensional geraten, was sicher auch an dem toten Bühnenbild von Jessica Rockstroh liegt: ein wie das Theaterfoyer tapezierter Rundhorizont und schwarzer Tanzteppich. Darauf werden die Geschehnisse episch abgearbeitet und in ordentlich absolvierten Spielskizzen illustriert. Nicht, dass es an seelischem Einsatz fehlen würde, es gibt auch schmerzlich echte Ohrfeigen, fett aufgetragenen Humor und viel Fleisch. Dennoch wirkt das Ganze nicht wie eine in Wirrnissen und über Abgründen zusammengeschweißte Gemeinschaft, sondern wie ein Deutschleistungskurs zum Thema: „Traut euch mal was Verrücktes.“ Geeignet für Adoleszenten, die zum Selberlesen keinen Bock haben.

Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele: 1., 3., 7., 10. Juni. www.deutschestheater.de

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