Gallustheater

Ohne Körperkontakt

  • vonMarcus Hladek
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Das 3. Solocoreografico-Festival im Frankfurter Gallustheater ist zu Ende gegangen. Auch hier hat das Coronavirus seine Spuren hinterlassen.

Wieder hat das Coronavirus seine Spuren hinterlassen. Obwohl die Festival-Teilnehmer so international waren wie gewohnt, reisten sie zumeist aus dem Inland und Hessen an. Die fünfköpfige Jury wiederum prüfte und beurteilte online. Auch bot „Solocoreografico“ nur an zwei ihrer sechs Tage Liveprogramm, und da jeweils dieselben Stücke. So sind die Zeiten. Und doch bot sich dem von Raffaele Irace geleiteten und am Gallustheater als Hauptquartier verankerten Festival eine besondere Chance. Tanzsoli sind ja kein Kontaktsport: das in sich Geschlossene ist ihnen als eine Dimension unter anderen immer schon eingeschrieben. Darauf ließ sich aufbauen.

Wer kam, sah sich einen langen Tanzabend lang neun Wettbewerbsstücken nebst einem Gastbeitrag ausgesetzt. Permanent wollte man das zuletzt erlebte Solo als Anwärter auf den Tanz-, Choreografen- oder Publikumspreis ans Herz drücken. Den Anfang machte Anne Jung in „Carnegie Solo“ vom Australier Sam Young-Wright, der dafür im Juni den dritten Preis der Ballett-Gesellschaft Hannover (Choreography 34) erhielt. Als Tänzerin in eine Soloimprovisation Keith Jarretts einzutauchen und dessen Solo für sich zu usurpieren, könnte tolldreist erscheinen, Jung aber meisterte ihr Wagestück in großen, raumfassenden Bewegungen voller Eleganz und Emotion, Spontaneität und angedeuteter Ich-Enthüllung souverän. Wenn Jarrett von sich sagt, ihm sei beim Improvisieren, „als würde ich nackt auf die Bühne treten“, und die erste Note setze alle Spannung frei, so erlebte man Jungs knallrote hohe Hose und Füße nebst durchscheinendem Oberteil als beste Näherung an solch Nacktheit und Ausgesetztheit.

Wie im Drama das retardierende Moment, folgte mit Yolanda Correa in „Du bist die Ruh“ von Andreas Heise (Staatsballett Berlin) ein dämpfendes Stück. Sie tanzte wie eine züchtige junge Dame von geheimer Passion, die uns den Rücken zukehrt und im schützenden Garten zwischen Potsdam und Wuthering Heights ihr grau-romantisches Kleid mit Faltenrock austanzt. Ein Stück von sublimierter Kraft.

Viel rapider und an diesem Punkt befreiend dann Saskia Rudat in „Brainjogging“, die im weinroten Pulli zur dunklen Hose unterschiedlichste Ideen zusammenwarf, manche so kindlich wie ihr „Himmel und Hölle“-Gehüpfe, andere so ruckhaft-komisch bis pantomimisch wie ihre Momente mit dem Rücken zur fantasierten Wand, ihre „Maori“-Gebärden, Schützen-Posen und kriegerisches Getue. Das Ganze in brechtisch hellem Licht zur Berliner-Gören-Frisur: ein freies Ausprobieren dessen, was geht.

Bis zur Pause folgten die Frankfurter HfMdK-Studentin Aline Aubert in einer Arbeit ihres Hochschulleiters Dieter Heitkamp, der Schattenspiele mit ihrer Gestalt anstellte („Rapid Eye Movement“), sowie „Grenen“ von Giovanni Visone (Staatsoper Hannover). „Grenen“ kam nach all der weiblichen Nuancierung im Gestus männlicher Urkraft daher, so dass man teils überwältigt, teils eher versucht war, die atavistische Männlichkeit, die er „oben-ohne“ im derwischhaften Rock zu perkussiv-moderner bis sphärisch-krimihafter Quasi-Filmmusik vorführte, für Selbstironie zu halten. Das Exaltierte, Verdrehte, Schweratmende wirkte gleichwohl intensiv.

Tony Rizzis gewitzte Abkühlung im Konzept- und Sprech-Stück „I Am A Mistake“ mit den vielen Aschenbechern und in der liturgischen Sprachform Jan Fabres ging den vier letzten Bewerbern voraus. HfMdK-Studentin Abril Lukac in ihrem mal blauen, mal grünen Kleid und Mantel plus Turnschuhen zeigte sich so sprechlustig wie Rizzi, sang, stampfte und klatschte munter einher und gab sich kurzweilig mit einem Ventilator und mit Nebel ab, ohne dass es („This Is Not a Mental Masturbation“) weit führte. Bündiger kam Teresa Pereira in Brian Scalinis „Cocoon“ daher, als sie in angedeutetem Endzeit-Setting und Kostüm zu ihrer jähen, wie fremdgesteuerten Bewegungssprache fand. Ein überzeugendes Stück kurz vor Schluss, betitelt „States“, tanzte Martina Martin, als sie wie angespült von der vernehmlichen Brandung (später noch Kirchenglocken und folkige Musik) breite Stimmungen der Melancholie und des Alltags ertanzte. Abruptes Ende.

Den Abschluss setzte Gjergji Meshaj, der in seiner überlangen Brautschleppe in Marta Castellettas „Corpo estraneo“ in immer neuen Spiralen durch den Raum und über das Empfinden tanzte, in einem fremden Körper gefangen zu sein. Ein Festival in zeitüblicher Notausgabe, das keinerlei Not an Einfallsreichtum noch Inspiration zu erkennen gab.

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