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Verausgabung, hier mit Theo Trebs (Menelaos) und Jella Haase (Helena).

Volksbühne

„Odyssee“ an der Volksbühne Berlin: Schritt ins Nichts

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Thorleifur Örn Arnarsson versucht „Eine Odyssee“ an der Berliner Volksbühne.

Nach einer Stunde und sieben Minuten, wenn im allgemeinen Getöse der Pianist fluchtartig im Kreis sprintet, sind alle Steigerungsmöglichkeiten aufgebraucht. So lange dauert in der Volksbühne die erste Nummer von „Eine Odyssee“. Mit ihr will der neue Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson das Haus mit allem, was es zu bieten hat, in Besitz nehmen. Danach dauert der Abend weitere drei Stunden, die mit gnadenlos zunehmender Langsamkeit vergehen. Aber was sind schon ein paar Stunden angesichts von zehn Jahren Krieg um Troja, von weiteren zehn Jahren Odyssee und dem Flug durch die Jahrtausende bis in die Gegenwart am Rande des Weltuntergangs?

Die Schlacht beginnt mit einer minimalistischen Choreographie auf leerer Bühne. Menschen in sich lösenden Hautfetzen schreiten im Geviert nach einfachen Regeln, die in plötzlicher Individualität abweichen, sodass man sich in die Quere kommt. Aus den Begegnungen werden Konflikte, und es geschieht, was geschehen muss. Der Trojaner-König Priamus (Robert Kuchenbuch – der später umstandslos auch Agamemnon, den Kriegsherrn der Griechen spielt) entsendet ein letztes Gebet an Zeus. Dann wird von der Mauer in die Schlacht geschaut, und der Chor der Musen kommt kaum hinterher. Ein Geklirr von Waffen und Schilden, ein Gepränge von Heldennamen und ein Gemetzel von Leibern, die letztlich banal und ungeschützt krepieren. Im Einzelnen ist das akustisch nicht zu verstehen, aber auch einerlei und vielleicht sogar Absicht, weil eben immer sinnlos gestorben wird.

Eine Bühne mit drei Musikern und vielen Instrumenten wird hereingeschoben, die Bassdrum pulsiert mit Unerbittlichkeit, treibende punktierte Triolen rattern auf kleineren Schlaginstrumenten los, ein melodisches Thema dreht seine sich ins Kakophonische steigernden Schleifen, und immer wieder haut und stolpert der Rhythmus zwischen die Verse des Kriegsgesangs. Man möchte mittanzen.

Groß sind auch die hausheiligen Verse, die von den Zügen hängen, auf- und niederschweben und mit edler Ruhe ihre Schatten in die Endlosigkeit der Zeit werfen. Sie stammen aus Heiner Müllers „Traumwald“, einem späten, nackten, von Heldennamen entkleideten, deshalb unendlich geräumigen Gedicht – in dem sich der Träumer selbst als bewaffnetem Kind begegnet – im „Lidschlag zwischen Stoß und Stich“. Dort in den Raum gehängt, blitzt das Gedicht als Kurzschluss aller Legenden, aller Vater-, Sohnes- und Selbstmorde auf, zerfällt und setzt sich neu zusammen.

Dazu Schreie, Pfiffe, Lichtgeflacker, eine Wand aus 250 zusammengefügten Umzugskartons senkt sich mit erbarmungsloser Langsamkeit am Bühnenportal herab, sie fängt sich auflösende Bilder von Waldbränden, Gemälden, Verkehrschaos; ein Schiff wird von Meereswellen herumgeworfen. Die Musen schlagen wie irre auf Tonnen und Töpfe, schreien sich die Seelen aus den Leibern und holen rhythmisch keuchend Atem. Das letzte Wort, das unter der Kartonwand durchschallt und wiederholt wird, als hätte eine Platte einen Sprung, gehört Andromache, der trojanischen Witwe, und es lautet: „Knechtschaft, Knechtschaft, Knechtschaft“ – der Kollege neben mir hat „Gletscher, Gletscher, Gletscher“ verstanden. Das würde auch passen, weil es bis hier mit Lust um alles geht. Krachbumm.

Das ist erst einmal keine falsche Ansage, die der unerschrockene Isländer Arnarsson da macht. Tapfer setzt er sich in den mythisch befrachteten Tempel Volksbühne, versucht ihn mit einem eigenen Kult zu füllen – und geht in den Weiten der Hallen erst einmal verlustig. Indem er inhaltlich vage bleibt, aber auch ganz praktisch und konditionell nicht durchhält.

Ein Klicken im Bühnenturm, die Kartonwand kippt langsam in die Tiefe, als würde das Theater seufzen. Und der hochgepushte Zuschauer klatscht sehr trocken auf: Am Horizont ruckelt blass ein Videospiel. Für jeden abgestochenen Trojaner gibt es Punkte. Dazu Stille, nur das Klappern eines Controllers.

Da haben wir das Kind: Telemachos, Sohn des Odysseus (Nils Strunk), der in Ithaka mit seiner Mutter Penelope auf den heimkehrenden Kriegsheld wartet. Penelope (Johanna Bantzer) beschimpft ihn als Heulsuse (unter Verwendung schlimmer homophober Ausdrücke), was den Jungen anstachelt, auf Wahrheitssuche zu gehen. Dem Vater, den er um seine Heldengeschichten beneidet, brüllt er ins Gesicht, dass er ihm kein Wort davon glaubt. Recht so. Geht uns ähnlich.

Odysseus (Daniel Nerlich) ist wirklich ein schwer erträglicher Aufschneider, und seine Heldentaten, für die es meistens keine Zeugen gibt, sind bei Lichte betrachtet jämmerliche, wenn auch effektive Kriegslisten (siehe Holzpferd). Auch Helena (Jella Haase) und Menelaos (Theo Trebs) sind aus dem Kontext gerissen kaum mehr als unterkomplexe Eheleute. Mit einem durchlöcherten Russenpanzer fahren sie herein, kommen sofort vom Thema ab und schwärmen von ihrer Rindfleischdiät, während die rote Fahne in Helenas Arm schwer wird und sie später mit dünner Stimme doch noch Gerechtigkeit fordert. Alle Figuren werden im Laufe des Abends mit weißer Farbe angepinselt, auf dass sie zu Marmorstatuen erstarren – und zu ihrem eigenen Vorteil die Klappen halten.

Der zweifelnde Sohn, dessen eigene Irrfahrt darin besteht, den Vater und seine Legenden zu demontieren, ist der Identifikationspunkt, auf ihn wird man zurückgeworfen, wenn auf einmal die Rede vom Afghanistankrieg ist, weil der Bruder von Koautor Mikael Torfason dort kämpfte. Von Telemachos aus gibt es einen Vektor zu den postheroischen Schlachten der Gegenwart, bei denen eine auf Vollständigkeit abzielende Aufzählung von historischen Kriegen samt Angabe von Opferzahlen endet. Wie können wir, scheint ein in den Raum gelassener Elefant zu fragen, an ihnen vorbei leben? Später nehmen drei nackte amerikanische Präsidenten des Elefanten Platz ein: einer hat gerade abgespritzt, dem zweiten steht er, und der dritte ist am Rubbeln. Und so weiter.

Der Abend will alles erzählen und doch jeden Mythos niederstrecken. Immer schön im Wechselrhythmus von Pathos und Ironie, von schwellender Opulenz und entseelter Distanziertheit. Warum nicht? Doch wie beliebig ist das zusammengesteckt! Wie schnell geht dem Gedanken die Puste aus! Wie klein und schwach sind im Getümmel die Schauspieler. Dieser Abend soll unter anderem auch Vater Castorf demontieren – und baut ihm einen Sockel. Mit großer Geste der Selbstermutigung und -ermächtigung der nächsten Generation ist das neue Team, das zwei Spielzeiten bis zur Übernahme durch René Pollesch das Theater zur Verfügung hat, losgestürmt und gescheitert. Erst einmal nur praktisch und noch lange nicht tragisch.

Volksbühne Berlin:14., 21., 22. September. volksbuehne.berlin

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