Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf der Trauerfeier fürs durchaus lebendige Theater. Jessica Schäfer
+
Auf der Trauerfeier fürs durchaus lebendige Theater. Jessica Schäfer

Schauspiel Frankfurt

„Ode“: Am liebsten gleich verbieten

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Thomas Melles randvolle „Ode“, am Schauspiel Frankfurt wach und neugierig präsentiert, stellt dem gegenwärtigen Diskursniveau ein schlechtes Zeugnis aus.

Thomas Melles „Ode“ wurde 2019 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt, in einer Inszenierung von Lilja Rupprecht, deren „Malina“ hier in Frankfurt soeben Premiere hatte. Die Kunst ist auch ein Netz aus zu- oder sinnfälligen Zusammenhängen. Kunst, Kunstbetrieb, Kunstfreiheit und der oft leichtfertige und gelegentlich unterirdische Umgang damit sind Gegenstände des Textes. „Ode“ dokumentiert, dass das Diskurslastige vielleicht keine große Erzählung hervorbringt, aber doch einen schillernden Theaterabend ermöglichen kann. Bei aller scheinbaren Eindeutigkeit hält Melle seine Bälle in der Luft, Anne Baders Inszenierung in den Kammerspielen spielt mit.

Effektvoll ist, dass Melle in mehreren zeitlichen Portionen erzählt. In Teil eins, „Fratzer“, stellt eine coole Künstlerin, Anna Bardavelidze, ein Werk vor, das „Ode an die alten Täter“ heißt. Melle bringt hier einiges unter: Das unbegreifliche (unsichtbare) Kunstwerk selbst setzt unter den Vernissagegästen die gängige Interpretations(-geplapper-)apparatur in Gang. Zugleich gibt es eine politische Dimension: was, wie bitte, eine „Ode an die alten Täter“? Dazu kommt noch ein zurückliegender politischer „Fehltritt“ der Künstlerin, ein dummes Scherzwort.

All das ruft die „Wehr“ auf den Plan, Max Böttcher, munter und doch stumpfsinnig. Zwar trägt er ein durchscheinendes braunes Hemd, aber die „Wehr“ scheint insgesamt alles zu sein, was sich der Kunst in vernichtender Absicht entgegenstellt. Da sich das Publikum wegen der Scherzwort-Affäre entrüstet, hat die „Wehr“ Erfolg. Das Kunstwerk wird verboten. Fratzer erschießt sich.

Nackt oder angezogen

In Teil zwei, „Orlando“, liegt der Skandal schon Jahre zurück. Fenna Benetz und John Sander erinnern in einer grellen Show an damals. Sie kokettieren penetrant mit dem Hakenkreuz-Symbol. Das Verklemmte im Schamlosen, die Lust am Verbotenen, das Dummheitspotenzial im noch so pfiffigen Showbiz: Auch hier kommt vieles zusammen, man schaut es interessiert an und fände es gerne abwegiger und realitätsferner, als es ist. Im Zentrum dann eine Theaterprobe, bei der der forsche Regisseur Orlando, Jonathan Lutz, die üblichen Grenzen austesten will – eine Schauspielerin soll sich nackt ausziehen, aber sie denkt nicht daran.

Während der betriebsinterne Diskurs kocht, taucht die „Wehr“ wieder auf. Sie wird vom nun wieder (weitgehend) einigen Kollektiv niederskandiert. Manchmal gibt es keinen anderen Weg. Allerdings geht Melle insgesamt schon scharf ins Gericht mit gegenwärtig vertrauten Kommunikationsformen zwischen Floskel und Wutausbruch, unterinformiertem Mitgerede und halbinformiertem Abwürgen. „Hassrede gemeldet“, eine sinnvolle Intervention, aber daraus ergibt sich natürlich kein Gespräch. Stattdessen bietet „Ode“ zwischendurch eine rustikale Betriebsbeschimpfung, bei der wir alle, nämlich auch die, die doch bloß zugucken wollen, auf die Mütze bekommen.

Im dritten Teil, „Präzisa“, gerät die allgegenwärtige, durchaus mysteriöse Präzisa, Vanessa Bärtsch, schwer unter Druck. Sie erweist sich aber – obwohl schon eine heuchlerische Trauergemeinde zusammengekommen ist – als nicht totzukriegen. Anzunehmen ist, dass sie die Kunst, hier: das Theater selbst ist, das sie darum zuvor in Videosequenzen (Simon Hegenberg) auch so vielfältig, nein, gar nicht vielfältig, sondern lediglich vervielfacht ausfüllt. Anne Bader lässt sie vom vorrückenden Vorhang mitsamt der Requisiten abräumen, aber das macht ihr nichts.

Melle verzichtet zum – etwas länglichen – Ende hin nicht auf einen Dreh ins Pathetische, aber der Titel „Ode“ wird von einem formbewussten Autor eben auch nicht beliebig gewählt.

„Ode“ und die Regie haben nichts dagegen, zugleich umständlich mystifizierend und offensichtlich zu sein. Dazu passen die Kostüme von Ausstatterin Sylvia Rieger, die die Körper bis auf die Unterwäsche durchscheinen lassen, was aber eigentlich auch nichts weiter sagt oder zeigt. Dazu passt ebenso das Spiel, zu dem auch Nina Plagens, Sabah Qalo und Nora Solcher gehören und das anderthalb Stunden lang auf Draht ist. Aus einem individualistischen „Chor“ lösen sich die einzelnen Rollen. Dass das Ensemble zum Studiojahr Schauspiel gehört, gibt dem Blick nach innen den besonderen Dreh des Einstiegs, der frischen Kritik und zugleich der Bewährungsprobe. Falls man sich hier bewähren muss, was zu befürchten ist. Hier wird sie bestanden. Mag die Kunst unter steter Erschießungsgefahr stehen (und sei es die Erschießung durch angelegte Regenschirme), sie zeigt sich fit und neugierig.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 25. Juni, 5., 8. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare