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Oberammergauer Passionsspiele: „Kriegsgeschrei erfüllt das Land“

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Von: Sylvia Staude

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In Oberammergau ist das nicht mehr das Ende, nun endet man dort mit der Auferstehung.
Passionsspiele: In Oberammergau ist das nicht mehr das Ende, nun endet man dort mit der Auferstehung. © Angelika Warmuth/dpa

Bei den Passionsspielen in Oberammergau hagelt es Eindrücke – und Kritik. Was kann die alte Geschichte heute noch bieten?

Oberammergau – Ein schmaler Jesus mit Perücke und Stoffbart (eine zweckentfremdete Maske?) zieht kurz vor der Einlasskontrolle auf einem E-Roller kleine Runden: „Tiere sind Lebewesen, keine Transportmittel“, steht auf einem Schild, das am Roller befestigt ist. „Esel sind keine Schauspieler“, ergänzt ein weiteres Schild, das eine junge Frau hält. 2019 gab es erste Berichte darüber, dass die Tierschutzorganisation Peta fordert, bei den Oberammergauer Passionsspielen solle der Jesusdarsteller nicht auf einem Esel reiten, sondern „ganz modern“ auf einem E-Roller einfahren nach Jerusalem. Die Kommentarfunktionen unter diesen Presseberichten glühten, mit Beifall und Beschimpfungen. Aber auch mit Mahnungen, sich doch bitte weniger mit der Esel-Frage, vielmehr endlich mit antisemitischen Textpassagen zu beschäftigen. Dann kam die Pandemie.

Die Passionsspiele 2020 wurden abgesagt und um vorsichtshalber gleich zwei Jahre verschoben, denn der Vorlauf ist in jeder Hinsicht enorm. Am bekanntesten wohl, dass die Männer Haare und Bart wachsen lassen müssen. Weniger bekannt, dass die Sänger-Solistinnen und -Solisten Gesangsunterricht erhalten. Und die auf der Bühne eingesetzten Tiere – Ziegen, Schafe, Pferde, zwei Kamele und ein Esel – Zeit haben sollen, sich aneinander und an die Situation zu gewöhnen.

Passionsspiele in Oberammergau: Ein muslimischer Judas und fantastisches Eis

Unter einem weiß-blauen Himmel, an einem Frühlingstag, wie er nicht schöner und grüner sein könnte in Oberammergau, fährt nun mit zwei Jahren Verspätung der Peta-Jesus seine Runden, während die Premierenbesucherinnen und -besucher durch den Ort und achtlos an ihm vorbeiströmen, die Shuttle-Busse fahren, Taschen und Tickets kontrolliert werden, mancher sich noch schnell ein Eis kauft, denn es spricht sich rum: Die Eisdiele soll fantastisch sein.

Passionsspiele gibt es auch anderswo, aber die im Fünfeinhalbtausend-Einwohner-Ort Oberammergau sind darunter das Mega-Event: knapp 2000 Mitwirkende, 4500 Plätze in der „größten Freiluftbühne mit überdachtem Zuschauerraum weltweit“. Spielleiter Christian Stückl, Jahrgang 1961 und selbstverständlich Oberammergauer, übernahm 1987 und begann, die alten Zöpfe – etwa: mitwirkende Frauen mussten unverheiratet sein – mit wachsender Geschwindigkeit abzuschneiden, hat diesmal den Text noch weiter bearbeitet. Und, ein mittlerer Aufreger, lässt 2022 Muslime mitspielen – wenn sie die allemal noch geltende Auflage erfüllen, in Oberammergau geboren zu sein und dort auch gelebt zu haben. Cengiz Görür, dessen Vater im Ort ein Hotel betreibt, war 16, als er von Stückl in der (siehe oben) Eisdiele entdeckt wurde – wie er unter anderem der „New York Times“ erzählte. Die sich sicherlich vor allem deswegen für ihn interessierte, weil er auch gleich die begehrteste unter den Hauptrollen bekam: Judas. (Und jetzt außerdem das Glück hatte, für die Premiere ausgelost zu werden.)

Als er jetzt im zweiten Teil auf einen Hocker steigt und sich die Schlinge um den Hals legt, trägt der Abendhimmel gerade seine zartesten Farben, trägt helles Grau und Blau und ein bisschen Rosa. Darunter dunkelt langsam das Grün der Bäume und Bergwiesen ein. Hinter den Zuschauerrängen müssen Schwalben nisten. Wenn es auf der Bühne still ist, wie eben jetzt, als der Vorhang vor dem toten Judas zugleitet, hört man sie piepsen.

Oberammergauer Passionsspiele: Alte Geschichte, neu erzählt

Unter Stückls Regie und mit seinen Textveränderungen ist aus der biblischen Figur, deren Name zum Synonym für Verrat wurde, ein Revolutionär und Idealist geworden, einer, der aus Jesus einen gerechten, sozial eingestellten König machen will, also eigentlich einen Politiker. Kaiphas soll doch nur wissen, wo er Jesus finden kann, sodass die beiden miteinander sprechen. Als Judas begreift, dass die Kirchenoberen nichts anderes wollen als Jesus’ Tod, ist er verzweifelt und nimmt sich zuletzt das Leben.

Eine alte Geschichte, eine, wenigstens in ihren Grundzügen, noch den allermeisten Menschen bekannte Geschichte erzählen sie einerseits in Oberammergau. Weitgehend tun seine Einwohnerinnen und Einwohner es mit überlieferten Mitteln; wie es zwischen den Szenen die „lebenden Bilder“ sind, die unter anderem zeigen: die Vertreibung aus dem Paradies, das Goldene Kalb, das Rote Meer. Letzteres als eine Flutwelle aus Tuch, rechts und links scheinen die Ägypter in Panik erstarrt. Bühnen- und Kostümbildner Stefan Hageneier gibt an, sich bei den früher zahlreicheren Bildern auf jene zu konzentrieren, die gut deutbar sind, auch noch für nicht gerade bibelfeste Besucherinnen und Besucher.

Oberammergau: Krieg und Pandemie bei den Passionsspielen

Die Passionsspiele nutzen auch noch die zwischen 1811 und 1820 komponierte Musik Rochus Dedlers, die Laien nicht so schnell überfordert und die der musikalische Leiter Markus Zwink bereits 2000 „neu revidiert und erweitert“ hat. Zwischen den Spielszenen strömt der schön und geschlossen intonierende Chor hinein. Und wieder hinaus. Es mag eine der größten Herausforderungen der Passionsspiele sein, die erstaunliche Menge an Darstellerinnen und Darstellern zu bewegen und platzieren. Stückl scheint tatsächlich niemanden zu vergessen, keine und keiner steht an den Rändern einfach so herum.

Aber weil es eben auch eine alte Geschichte ist, besteht die allergrößte Herausforderung darin, sie nicht zu viel und nicht zu wenig zu verändern. Sie zu deuten, denn ohne Deutung geht es nicht. Bereit zu sein, sich Ärger einzuhandeln von Seiten der Traditionalisten. Gleichzeitig Respekt zu zeigen vor dem 633 erstmals gegebenen Gelübde – ein Jahr übrigens, in dem eine Pandemie, weit tödlicher als Corona, und Krieg herrschten.

Es ist der aktuelle Krieg, der gleich in den ersten Minuten des Spiels präsent ist, wenn Jesus (für die Premiere ausgelost wurde Frederik Mayet, auch schon 2010 einer der Jesus-Darsteller) von der „Zeit der Angst“ spricht: „Kriegsgeschrei erfüllt das Land, Armut und Krankheit raffen euch dahin“. Er mahnt, Fremde aufzunehmen. Alles zu verkaufen und den Armen zu geben. Und bald kommt, ach ja, auch der Satz mit dem Reichen, dem Kamel und dem Nadelöhr.

Best-of Bibel: Die Passionsspiele in Oberammergau

Und während man beeindruckt ist von der Professionalität der Laien, vom schieren Breitwandformat dieser Spiele, jubeln sie einem doch gewissermaßen ein Best-of der Bibel unter. Von „wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ bis „wer euch auf die rechte Wange schlägt...“. Fünf Stunden Aufführung erinnern einen an die Radikalität dieses Jesus von Nazareth, an sein unermüdliches Mahnen, nicht nur auf Geld, auch auf Gewalt zu verzichten.

Passionsspiele Oberammergau

Termine bis zum 2. Oktober: www.passionsspiele-oberammergau.de

Eine alte, aber keine überholte Geschichte; auch nicht für jene, die sich als nicht-religiös oder als Atheisten bezeichnen. Es mag den einen oder die andere, zu Recht, abstoßen, dass die Passionsspiele längst auch ein Mordsgeschäft sind für Oberammergau. Der Ernst, mit dem sie aufgeführt werden, macht trotzdem still. (Sylvia Staude)

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