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„Nüsseknacker“ von Stephan Thoss in Mannheim: Nicht nur auf den Tischen tanzen

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Von: Sylvia Staude

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Eine gelenkige Familie: Marie (MItte) und ihre Eltern. Foto: Christian Kleiner
Eine gelenkige Familie: Marie (MItte) und ihre Eltern. Foto: Christian Kleiner © Christian Kleiner

Stephan Thoss choreografiert jahreszeitgemäß in Mannheim einen höchst quirligen, von Bewegungsspäßen überbordenden „Nüsseknacker“.

Das Märchen-Ballett „Der Nussknacker“, wie für „Schwanensee“ hat Tschaikowsky die bezirzend stimmungsvolle Musik komponiert, ist mindestens in der Vorweihnachtszeit der Renner auf den Bühnen. Es gibt neue Fassungen, die sich weitgehend an die alte Handlung halten, in denen aber versucht wird umzugestalten, was als politisch nicht mehr korrekt empfunden wird. Das sind im „Nussknacker“ die Tänze im dritten Bild des zweiten Akts, wo traditionell Bauchtänzerinnen, chinesische Akrobatik, der russische Volkstanz Trepak zu sehen sind. Der Choreograf Edward Clug, dessen Version des Balletts kürzlich in Stuttgart Premiere hatte, ging noch weiter und strich mit Verweis auf die Fettleibigkeit vieler Kinder auch das Süßigkeitenland.

Solche Probleme hat nicht, wer überhaupt eine eigenständige, verschlankte Fassung choreografiert. Ebenfalls in Stuttgart gab es den dunklen, gespenstischen, kleinformatigen „Nussknacker“ von Marco Goecke. Unvergessen die mit Nussschalen bestickte Hose der Titelfigur. Und jetzt hat sich Mannheims Tanzintendant Stephan Thoss eine herrlich überkandidelte Version einfallen lassen: Sein „Nüsseknacker“ (es ist ja in der Regel mehr als eine, die geknackt wird) dauert leider nur 75 Minuten, aber diese Minuten sind dafür vollgepackt mit originellen Kostümen, Weihnachtsbaum und Geschenken in Glitzerpapier (Ausstattung Thoss und Romy Liebig), vor allem aber mit einem wahren Bewegungswirbel inklusive artistischer Elemente. In den kuriosesten Körperhaltungen scheinen Tänzerinnen und Tänzer des Nationaltheater-Ensembles manchmal zu fliegen.

So entsteht ein Eindruck von Üppigkeit, auch wenn Thoss mit dem „Nüsseknacker“ ins nicht eben große „NMT Tanzhaus“ ausweichen musste, da in der Innenstadt nun renoviert wird. Der Nachteil der Ausweich-Spielstätte: die zahlreichen Dezember-Aufführungen sind bereits ausverkauft.

Der Mannheimer Tanzchef steigt mit den Großeltern ein (Alexandra Chloe Samion, Joris Bergmans), die bei ihren Weihnachtsvorbereitungen alles andere als altersgemäß auftanzen. Es folgen bald die Eltern (Emma Kate Tilson, Leonardo Cheng), da wird es noch wilder, ist jedes Möbelstück ein Sprungbrett. Und vollends außer Rand und Band Marie, eine fantastische Jessica Liu, deren Zöpfe zu Propellern werden, die Grimassen zum Fürchten schneiden kann.

Denn Marie ist ein mit keinem Geschenk zufriedenes Gör. Die Gäste kommen, das Mädchen pfeffert deren Mitbringsel ins Eck, die Eltern schämen sich sichtlich für ihre Tochter, peinlich berührt kriechen sie förmlich in sich hinein. Das ist die Kunst des Stephan Thoss: die Körpersprache so zurecht zu feilen, dass die Gemütsverfassung der einzelnen Personen daran ablesbar ist. Auch die Art, wie die Gäste nach Maries unhöflichem Ausbruch wieder abgehen, sendet sofort das Signal: die sind ganz schön angefressen. Und wie auch nicht bei diesem anspruchsvollen Kind.

Was Marie lernen muss – Mitleid, Hilfsbereitschaft vor allem –, das wird sie im Folgenden an der Seite von Drosselmeier (Albert Galindo) lernen. Kaum ist sie mit ihm durch eine Tür getreten, wird sie von drei Ratten bedrängt, dann auch noch vom Mäusekönig (Luis Tena Torres). Und der verletzte, zerbrochene Nussknacker (Lorenzo Angelini) kriecht heran, Prinzessin Pirlipat (Dora Stepušin) stolpert heran, beide suchen Hilfe. Marie wehrt ab.

Es gibt dunkle Momente in diesem „Nüsseknacker“, dazu erklingt dann nicht Tschaikowsky, sondern Henri Duparc. Aber der größte Teil des Abends ist ein quirliger Spaß. Fantasiefiguren tanzen auf: grasgrüne Gartenzwerge, ein Hippiemädchen und ein Koch mit Törtchen, zwei Frauen mit goldflimmerndem Umhang, eine im goldenen Anzug mit blauem Ei, ein Paar mit Quietscheentchen an den Füßen. Moment: Ein Ei, Quietscheentchen? Nun, Thoss hat für die älteren Zuschauerinnen und Zuschauer ein paar Hinweise auf Loriot versteckt und wünscht sich, dass das Publikum auf diese Weise (Rätsel-)Nüsse knackt.

Beim Schlussapplaus wird „Happy Birthday“ angestimmt, da wird Thoss verlegen. Aber er hat sich selbst einen „Nüsseknacker“ geschenkt, bei dem man aus dem Staunen kaum herauskommt.

Nationaltheater Mannheim im NTM Tanzhaus. www.nationaltheater.de

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