Grell: Ryan McKinny als Christus-Amfortas.
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Grell: Ryan McKinny als Christus-Amfortas.

„Parsifal“ in Bayreuth

Nudisten im Frühlingsregen

Ziemlich kariert: Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele eröffnen mit dem neuen „Parsifal“ von Uwe Eric Laufenberg und Hartmut Haenchen.

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Harry Kupfer, einer der großen Altmeister des Regietheaters in der Oper, äußerte einmal, es gebe 4711 Arten, ein Stück szenisch zu interpretieren. Klug gesprochen! Nach Kupfer ist nämlich die Zahl der möglichen Varianten groß, aber nicht unendlich. Irgendwann kommt mal der ernüchterte Gedanke: Jetzt aber genug, nun geht gar nichts mehr, Schonzeit erwünscht. Dieser Gedanke steht gerade in Bayreuth immer leise vor der Tür, weil es hier (den „Ring“ für eines gerechnet) nur sieben Dramen gibt, die im Schnitt einmal pro Jahrzehnt umgewälzt werden.

Das sehr kleine Bayreuther Repertoire ist also ein enormes Problem für den kreativen Umgang mit Stücken. Da kann schon mal die Idee aufkommen, Opernneulinge wie Christoph Schlingensief oder Jonathan Meese anzuheuern. Leute womöglich, die Bayreuth für eine Stadt im Libanon halten und Richard Wagner für eine Whiskymarke. So gibt es bereits Gerüchte, dass Bundestrainer Joachim Löw für eine Wagner-Inszenierung angeworben werden soll. Wie aus gewöhnlich ununterrichteten Kreisen verlautet, würde man gerne auch einmal die um eine Nuance weniger branchenfremde Margot Käßmann gewinnen.

Was das Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ betrifft, so war die letzte Bayreuther Version mit dem Regisseur Stefan Herheim auf eine geradezu ultimative Art motivbeladen, so dass sie leicht ein paar Dutzend der avisierten Kupfer’schen Möglichkeiten verschlang. In Schlingensiefs Engagement zuvor aber zeigte sich der Künstler als ein „reiner Tor“, der im Laufe seiner „Parsifal“-Arbeit hinsichtlich der Institution und der ganzen Wagnerei gründlich „durch Mitleid wissend“ wurde.

Dieser klärenden, läuternden Kur entzog sich Meese (der auf zarte Gemüter doch als ein recht arger Zeitgenosse wirkt) oder wurde ihr entzogen. Uwe Eric Laufenberg, Ersatzmann als Inszenator des fälligen „Parsifal 2016“, wischte souverän alle Probleme und Skrupel weg und kündigte an, wieder so etwas wie den „eigentlichen“ Parsifal zu machen. Was der eigentliche „Parsifal“ ist, das weiß freilich eigentlich nur so jemand selbst allein. Immerhin sorgte er im Vorfeld für Ermunterung, indem er sich mit der grauen Eminenz Christian Thielemann anlegte (wozu er Grund hatte, denn vor seinen Augen wurde ihm der vorgesehene Partner und Dirigent Andris Nelsons zerrieben).

Laufenberg, der Retter in konzeptioneller Not, der Notregisseur, verkörpert den Meese- und Schlingensief-Gegentypus des gewieften Wagnerkenners, den man auf dem Grünen Hügel womöglich kaum noch braucht, weil dort eh alle Wagnerkenner sind. Laufenberg hat also jede „Parsifal“-Spielart der Jetztzeit voll drauf und Anlass, sich darob nicht als resistentes Supergenie, sondern bescheiden zu gerieren. Liefert er nun die ehrlich zurückgenommene Arbeit eines Langweilers wie Rudolf Noelte, die obsessiv werktreu gemeinte Traditionshuberei der Renegaten Peter Stein oder John Dew? Ach nein, das auch wieder nicht. Statt den Weg der auffälligen Unauffälligkeit beschritt Laufenberg dann doch lieber die Straße der spektakelnden Auffälligkeiten. Und pflasterte sie von Zeit zu Zeit mit ziemlich schrillem Ungeschick, ja mit Fehlern.

Als Ansatz galt anscheinend die bedrohte christliche Kirche, die Gralsgemeinschaft im (vorderasiatisch markierten) Feindesland. Gisbert Jäkels Bühnenbild schuf einen leicht maroden sakralen Innenraum mit Kuppeldach, der im Mittelakt leicht modifiziert wurde durch maurische Ingredienzien für Klingsors Reich – Azulejo-Wände, Badenische. Im ersten Teil des Schlussakts ragen Spuren der Natur noch viel sichtlicher ins verschäbigte Mauerwerk. Dieses Elendszeichen wird dann im „Karfreitagszauber“ umgedeutet in ein Hoffnungs- und Versöhnungszeichen. Unsagbar platt zunächst, indem ein Fähnlein nudistischer Personen sich im vom Schnürboden fallenden Frühlingsregen tummeln. Später dann aber gedeihlicher, wenn sich im Vordergrund eine freundliche „family of men“ formiert, in die sich die Hauptdarsteller einreihen.

Das bereitet zugleich die Laufenberg’sche Deutung des Finaltableaus vor. Auch hier gibt es kein heldisch-usurpatorisches Auftrumpfen der Titelfigur, und die Einzelnen verschwinden im chorischen Kollektiv, das sich seiner wiedergeschenkten Dignität am angestammten Ort nicht behäbig-feierlich versichert, vielmehr im aufkommenden Nebel verschwimmt und verschwindet – gleichsam eine Exitus-Menge, in der es keinen charismatischen Anführer zu geben scheint und auch das weitere Schicksal Kundrys ungeklärt bleibt.

Dazu geht das Saallicht an, was immer ein starker Effekt ist und in Bayreuth (wenn überhaupt) selten praktiziert wird. Ein wirklich schöner, gelungener „Parsifal“-Schluss, der Ergriffenheit erzeugte und stilles Nachdenken, bevor der Premierenbeifall, für Laufenbergs Team mit nur mäßigen Buhs untermischt, losbrandete.

Zu spät und zu vereinzelt dieser (in mehrfachem Sinne zu verstehende) inszenatorische Lichtblick nach vielen weidlich verschatteten, teilweise zum Kopfschütteln animierenden Stunden. Das betraf nicht zuletzt die aktuellen Anspielungen auf Chaos, Bürgerkrieg und Christenverfolgung. Das Kircheninnere als Lazarett und Asyl zu Anfang mochte hingehen. Aber bald bemerkte man, dass derlei nicht in irgendein plausibles Konzept integriert war. Wenn von Zeit zu Zeit bewaffnete Trüppchen über die Szene huschten, dann war das kaum mehr als ein dekoratives Moment. Das wirkte wenig bedrohlich und geriet gar ins Lächerliche, wenn im dritten Akt der vor Gurnemanz’ Klause als finster vermummter Partisan auftretende Parsifal beflissen Kampfanzug und Gesichtsbedeckung ablegte, nur weil der alte Gottesmann ihn auf die Bräuche des „allerheiligsten Karfreitags“ hinwies.

Einige Regieeinfälle sind kaum schlüssig auflösbar, etwa ein Parsifals Erscheinen im 1. Akt leibhaftig vorwegnehmender kleiner Bub, der, von Kundry bemuttert, plötzlich auch wieder verschwindet. Oder ein weit oben hinter einem Gitter Hockender, der etwas schräg hinten Stattfindendes (eine Folterung?) beobachtet; im dritten Akt vermisst man ihn.

Die szenographischen Seichtheiten legen im Mittelakt beträchtlich zu. Hier nimmt der ins Islamische versetzte abtrünnige Gralsritter Klingsor (immer noch von Kreuzsymbolen in Paranoia getrieben) die Gelegenheit wahr, zu Verführungszwecken gleich zwei Sorten orientalischer Huris oder Blumendamen parat zu halten: Nonnenmäßig allahfromm Dunkelverschleierte (Kostüme: Jessica Karge) und zünftige Haremsdamen im Bauchtänzerinnen-Look.

Ziemlich bedeppert bedient fühlt man sich im großen folgenden Zwiegespräch Kundry/Parsifal. Ungeachtet aller dramaturgischen Stringenz haben die beiden Figuren offenbar nur wenig Interesse aneinander und versäumen (unter Laufenbergs Anleitung) die wichtigsten Stationen der jeweiligen Selbstbekenntnisse des anderen, weil sie einfach von der Bühne verschwinden und sich neu einkleiden. Pardauz! Auch so kann man eine vielgerühmte Psychologisierung unterlaufen! Dass danach die Sequenz mit dem eroberten Speer (hier mehr eine freundschaftliche Übergabe durch Klingsor an Parsifal) kläglich misslingt, gehört dann eher schon zur resignierend hingenommenen Aufführungstradition.

Summna summarum: Ein ziemlich zauseliger Tobak. Zu den intellektuellen oder visionären Schwergewichten der „Parsifal“-Exegese trägt Bayreuth 2016 nicht viel bei. Am meisten vielleicht über die fürchterlichen – zudem zum gemäßigt naturalistischen, von den Bildern her plumpen und beim Naturzauber magiefern-legoartigen Inszenierungsstil quer stehenden – Video-Strecken zu den großen Verwandlungsmusiken im 1. und 3. Akt.

Wie so oft überragten die musikalischen Ereignisse bei weitem die szenische Kraut-und-Rüben-Mischung. Der kurzfristig hinzugezogener Dirigent Hartmut Haenchen ist nun eine unbezweifelbare Wagner-Instanz; er dirigierte ein feinnervig reagierendes Orchester und einen (bis auf den detonierenden Blumenmädchenauftritt) hervorragend einstudierten und klangmächtigen Chor (Eberhard Friedrich). Haenchens Klangbild ist schlank und transparent in den agilen Tempi des frühen Boulez, aber dessen Sprödigkeit wird deutlich konterkariert durch einige Prisen Knappertsbusch, die an zentralen Stellen auch durchaus pathetische Ausbuchtungen evozieren. Gleichwohl mutet diese Melange nicht gezwungen an, sondern auf sichere und „natürliche“ Weise aus dem Musikstrom heraus entwickelt.

Nicht alle sängerischen Eindrücke waren exorbitant. Bei den Nebenfiguren wird auch in Bayreuth immer wieder mit Wasser gekocht (unberührt davon das betörende Altsolo von Wiebke Lehmkuhl). So war Gerd Grochowski ein enttäuschend uncharakteristischer, mulmiger Klingsor. Ryan McKinny, der im Kopfakt zur grell posierenden Christus-Ikone getrimmte Amfortas, sang mit reich abschattierten Schmerzenstönen. Klaus Florian Vogt setzt, auch darstellerisch erfolgreich, seine knabenhaft helle Tenorstimme, sozusagen ein Konfirmanden-Organ, gerade bei der Parsifal-Partie glaubwürdig ein und wirkt dazu ebenso durchschlagend wie mühelos durchhaltend. Erwartungsgemäß grandios in seiner ausdrucksvoll sonoren Gurnemanz-Präsenz: Georg Zeppenfeld. Eine Überraschung geradezu in ihrer mächtig ausfahrenden sopranesken Ausstrahlung (manchmal an Birgit Nilssons Diktion erinnernd) die Kundry von Elena Pankratova. Auch in der Aktion hochkonzentriert!

Nicht zum ersten Mal bedauert man, dass sie nach ihrem großen 2. Akt nur noch ein paar Seufzer beizutragen hat. Mit diesen verbleit auch der diesjährige „Parsifal“-Besucher, dem aus gegebenem Anlass hier noch nie ein annähernd ähnlich polizeigrüner Hügel beschieden war.

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