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Wiebke Puls und Benny Claessens in dem Jelinek-Stück "Das schweigende Mädchen".
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Wiebke Puls und Benny Claessens in dem Jelinek-Stück "Das schweigende Mädchen".

NSU "Das schweigende Mädchen"

NSU-Prozess als absurdes Theater

Mehr als ein Sprachrausch: Johan Simons inszeniert in München an den Kammerspielen Elfriede Jelineks Textstück zum NSU-Skandal, "Das schweigende Mädchen".

Von K. Erik Franzen

Das Schweigen brechen. Welches Schweigen ist gemeint, das eigene oder das von anderen? Vielleicht fühlte sich Elfriede Jelinek als Betrogene, als sie von den Morden der NSU erfuhr. Laut eigener Aussage war auch sie zunächst der Argumentation aufgesessen, zwecks Aufklärung der rechtsextremistischen Mordserie müsse man Döner-Buden genauer betrachten: hausgemachte Verbrechen. Wie sie so etwas hatte glauben können, fragte sie erschüttert. Nun redet sie.

Der laufende Prozess gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte vor dem Münchner Oberlandesgericht ist der Ausgangspunkt für ein wie immer wortgewaltiges Textstück Jelineks mit dem Titel „Das schweigende Mädchen“. Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, hat die Vorlage der Literaturnobelpreisträgerin nun extrem verdichtet. Zwei Stunden wird viel geredet und auch Musik gemacht. Schweigeminuten sind das wahrlich nicht.

Der Aufbau der Inszenierung ist minimal theatral: Die sieben Schauspieler sitzen auf Stühlen in einer Reihe und lesen ihren Text ab – oder tun zumindest so. Jelinek hat in dem über zweihundert Seiten langen Stück auf Figuren verzichtet, hat Sprecherpositionen angedeutet: „Ich“ lautet eine Rollenzuweisung, „Der Richter“, „Ein Engel“, „Der Abwäger“, „Ein Mensch“, „Ein Mann“ lauten andere.

In den Kammerspielen sind davon geblieben: ein Richter, ein Fremder, zwei Propheten und drei Engel. Sie ordnen ihre Textblätter, wechseln ihre Sitzhaltung und los geht’s im mitreißenden, ironisch-scharfen und anklagenden Jelinek-Sound, den die Schauspieler unterschiedlich abmischen.

Wiebke Puls im schwarzen Engelsgewand ist ganz die schmalgesichtige, unnahbare Madonna. Steven Scharf (ebenfalls ein schwarzer Engel) intoniert immer wieder den nachdenklichen Büßer. Und Benny Claessens (Engel Nummer drei) glänzt als lakonischer, in sich selbst ruhender Buddha des wahnsinnigen Alltags mit hinreißenden Augenaufschlägen.

Immer wieder setzen sich die Engel, wenn sie nicht sprechen, eine Kapuze auf und versinken bewegungslos in ihren langen Kutten. Zumindest äußerlich den Kontrapunkt setzen die beiden Propheten in strengen fünfziger-Jahre-Kostümen. Hans Kremer und Annette Paulmann sind unter anderem mal die Eltern der Opfer, mal die der Täter. Sie bewegen sich zumeist marionettenhaft synchron. In der Mitte der Richter. Thomas Schmauser nimmt sich Manfred Götzl und zerlegt ihn fachgemäß. Um Ordnung bemüht, cholerisch aus der Rolle fallend, einschlafend, die Hände hebend. Ganz außen der Fremde, (Risto Kübar), Jesus, der erst am Ende betend aktiv wird.

Auftritt des Jüngsten Gerichts

Das alles erinnert – wenn auch variiert – deutlich an bildliche Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Im Zentrum der Allherscher (hier der Richter), neben ihm die Beisitzer, Heilige, Engel und Apostel. Da ist Simons ganz bei Jelinek mit ihren Auszügen aus Altem und Neuem Testament. Besonders angetan hat es beiden die Geschichte der Jungfrau Maria, das soll – man ahnt es schon – Beate Zschäpe sein, die Frau, die sich gerne als Mädchen inszeniert, sich vor Gericht stellen muss und schweigt.

Geboren hat sie, die Schutzmantelmadonna, die beiden Uwes, bei Jelinek: den „mundlosen“ und den „harten“. In diesem biblischen Gericht wird Maria jedoch nicht verehrt, sondern vernichtet, besser: Sie vernichtet sich selbst durch ihre Taten und ihr Schweigen.

Getagt wird nicht im Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße in München. Aber wo dann? Das Bühnenbild gibt unnötige Rätsel auf, die nur von seiner Gestalterin, Muriel Gerstner gelöst werden können: Bei den im Hintergrund sichtbaren Gebäuden handele es sich um eine Anspielung auf Martin Heideggers Schwarzwaldklause, auf seine „Seinshütte“. Dazu geselle sich ein unauffälliger „Heimatgarten“ mit „Heimaterde“ und „Konservatorium“. Ruhe in Frieden, du seiendes Seinsbild.

Untermalt von einem dreiköpfigen Orchester (Musik: Carl Oesterhelt) steht an diesem hochkonzentrierten Abend ganz der Text im Mittelpunkt: Johan Simons verbeugt sich tief vor der Autorin. Alle folgen gebannt und amüsiert dem Jelinekschen Diesseitsbuch, das kein NSU-Watch widerspiegelt. Selbstironisch heißt es da, sie (Jelinek) rede nur so daher.

Doch ihr Daherreden ist mehr als Sprachrausch. Ihr Text spült immer wieder die Frage nach den gesellschaftlichen, sozialen und psychischen Bedingungen der Terrorzelle Deutschland hervor und belegt: Sprechen hilft. Zuhören auch.

Münchner Kammerspiele: 2., 8., 19., 20. Oktober.

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