Gallustheater

Bis der Notfall da ist

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Das Musik- und Objekttheaterstück „Revolutions per minute“ im Frankfurter Gallustheater.

Nahezu beiläufig beginnt der Wandel. Man hört im Irgendwo Würfel fallen und wie hinten, in einer der Zuschauerreihen, eine Handtasche nach umständlich langem Gekruschel mit lautem Ratsch geschlossen wird. Zufall? Laute greifen ineinander und bleiben als Geräusche oft unbeachtet. In dem Stück „Revolutions per minute“, das von Ole Hübner, Leander Ripchinsky und Niels Wehr für neues Musik- und Objekttheater komponiert wurde und im Gallustheater Premiere hatte, werden diese Klänge ins Bewusstsein gehoben und kunstvoll dramatisiert.

Minutenlang sind die Geräusche aus dem Off in tiefe Dunkelheit gehüllt. Ein Tischtennisball scheint Stufen herab zu hüpfen, dann wieder summt es wie Bienen auf einer Kleewiese. Es tropft, ploppt und pfeift, bis sich schließlich auch menschliche Laute und ein Flötenspiel in dieses kurzweilige Klangspiel einfügen. Auf der Bühne stehen – nun im Licht – Sarah Heemann, die abwechselnd vier Flöten (Quer-, Alt-, Kontrabass- und Subkontrabassflöte) einsetzt, und Julia Mihály (Stimme und Performance). Die Musikerinnen, die seit zehn Jahren zusammenarbeiten, folgen keiner Partitur, sondern zeigen geleitete Improvisationen. Alle Parameter der Musik wie Dynamik, Artikulation, Tonhöhe und Klangfarbe werden eingesetzt, dennoch entsteht kein Klangbild, wie das klassisch geprägte Ohr bei Gesang oder Flötenspiel assoziiert. Die Flöte faucht, gurrt oder erzählt Geschichten. Laute werden zu einem Gebläseballett geformt und Geräuschebenen elektronisch so gefiltert, dass eine an der Flöte eingespielte Bedienungsanleitung wie eine spannende Erzählung klingt. Man ahnt Worte und spürt eine Dramatik, die in den Bann zieht.

Spannung erzeugt auch das Klangbild, das die Opernsängerin und Dozentin für Neue Musik, Julia Mihály, beispielsweise durch gleichmäßige Seitwärtsbewegungen am Mikrofon hervorruft. Die Töne schwingen wie ein Foucaultsches Pendel und entfalten hypnotisierende Magie. Das Wissen um „Dauer im Wechsel“ erhält hier eine physisch erfahrbare Präsenz.

Der Abend der drei am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen ausgebildeten Komponisten schließt mit einem klar zeitpolitisch ausgerichteten Höhepunkt: Vier Ventilatoren werden im Dunkeln an Seilen aufgehängt. Zunächst hört man nur einen beruhigenden Brummton, dieser gewinnt an Stärke und verwandelt sich in ein bedrohliches Brausen. Lichtblitze steigern diese Stimmung. Schließlich leuchten acht grelle Leuchtstoffröhren die Szene fast schmerzhaft grell aus. Kräftig schwingen die vier blauen Metallgebläse an ihren Seilen. Sie scheinen gegeneinander zu knallen, doch noch geschieht kein Unglück. Erst als vom Rand her ein am Boden kriechender Mensch (Niels Wehr) langsam eine Palette mit mannshohen, gelben Gräsern in die Schwingzone hineinschiebt, zerstückeln die Ventilatoren die trockenen Fasern. Rauch vernebelt die Luft. Weiße Mundschutzmasken, die auf jedem Zuschauerstuhl bereitgelegt sind, kommen nun zum Einsatz. Der Notfall ist da.

Gallustheater Frankfurt: 15. Januar. www.gallustheater.de

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