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Ist das noch ein Opernhaus?

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Berliner Staatsoper in neuem alten Glanz.
Berliner Staatsoper in neuem alten Glanz. © JOHN MACDOUGALL (AFP)

Die neue alte Staatsoper Unter den Linden klingt sehr gut. Auf der Bühne ist hingegen noch Luft nach oben.

Von VON PETER UEHLING

Die Berliner Staatsoper ist wieder in ihr Stammhaus Unter den Linden zurückgekehrt, und nur am Tag der Deutschen Einheit ist dieses Ereignis annähernd angemessen zu feiern. Die politische Spitze der Republik kam aus Mainz eingeflogen, und so konnte man Bundespräsident, Bundestagspräsident, Bundeskanzlerin, ihr halbes Kabinett, ihren geschäftstüchtigen Vorgänger, den Regierenden Bürgermeister und seinen Vorgänger begrüßen: Alle Blicke im Parkett richten sich zunächst auf den ersten Rang, wo sie alle untergebracht waren.

Nur das Grußwort des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist gewichtig genug, um in diesem Haus als erstes zu erklingen. Seltsame Dinge waren da zu hören, etwa dass die Oper in Steinmeiers Augen vor allem dadurch anachronistisch ist, dass man ihre Rezeption anders als die eines Buches oder eines Films auf DVD nicht unterbrechen kann. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters fragte in ihrer kurzen Ansprache, ob die Kraft der Oper an Nachhallzeiten und digital gesteuerter Bühnentechnik hänge oder nicht vielmehr an einem begnadeten Dirigenten, einem engagierten Orchester und hervorragenden Sängern – und da sie zu letzterem neigte, mochte sich der Steuerzahler fragen: Warum haben wir dann so viel Geld in das Haus gesteckt?

Nun, weil der begnadete Dirigent nicht geblieben wäre, hätte man nicht die Decke angehoben, um die Akustik zu verbessern – damit hat er zumindest gedroht. Und natürlich auch, weil die Staatsoper ein Sicherheitsrisiko war. Aber am Ende auch, damit in der deutschen Hauptstadt ein repräsentatives Opernhaus auf dem neuesten Stand der Technik entsteht. Deutsch sollte auch die Eröffnung sein: Der selbsternannte „letzte Deutsche“, Botho Strauß sollte ein Libretto zum Thema „Saul“ dichten, der letzte deutsche Tonsetzer von überregionaler Bekanntheit, Wolfgang Rihm, sollte es komponieren – daraus wurde aufgrund von Rihms schwerer Erkrankung erstmal nichts.

Auf abgedroschene Eröffnungsschinken wie Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wollte man nicht zurückgreifen – Nürnberg sollte man ohnehin besser nicht mehr mit betont deutschen Repräsentationszwecken verkoppeln –, und wenn Wagner nicht geht, bleibt als angemessen ragender Repräsentant deutschen Geistesheldentums nur Goethe und dessen „Faust“, vertont von Robert Schumann, jenem „süßlichen Sachsen“, der nach Friedrich Nietzsches bösen Bemerkungen in seiner „Trunkenboldigkeit des Gefühls“ das Deutschtum viel unverfälschter repräsentiert als der dekadente Wagner.

Man lernt diese „Szenen aus Goethes Faust“ in dieser Premiere unter dem Titel „Dürft ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“ wieder einigermaßen fürchten. Der Regisseur Jürgen Flimm hatte die Idee, zwischen die von Schumann ausgewählten Szenen mit Sängern weitere „Faust“-Szenen mit Schauspielern zu stellen, wobei er die Goethesche Szenenfolge auch mal umstellt. So dehnt sich der Abend auf stolze dreieinhalb Stunden, aber „Szenen“ bleiben es immer noch, eine Geschichte wird es nicht, eine Spannung, die den Abend trüge, entsteht auch nicht, im Gegenteil: Die Anachoreten-Szene von „Waldung, sie schwankt heran“ bis zu „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ auch noch für eine kleine Spielszene zu unterbrechen, strapaziert die Geduld enorm. In guten Aufführungen kann diese letzte Dreiviertelstunde durchaus tragen – aber hier ist leider auch dem Dirigenten Daniel Barenboim nicht mehr viel eingefallen; eine Melodie nach der anderen winkt er durch, und eine klingt harmloser als die andere, als wäre die Schlussszene des „Faust“ ein biedermeierlich Liederspiel.

In der Inszenierung prallt die Innigkeit, die Schumann dem heilig-blonden Gretchen zugemessen hat und von Elsa Dreisig ergreifend gesungen wird, auf das modisch aufgegeilte Theatergeschrei einer sündig-schwarzhaarigen Meike Droste in derselben Rolle. Was hier kontrastierend auseinanderfällt, ist bei Roman Trekel als noblem Singe-Faust und André Jung als biederem Sprech-Faust gar nicht recht ins Verhältnis zu setzen, während sich die Mephistos des Basses René Pape und des Schauspielers Sven-Eric Bechtolf kaum unterscheiden. Vollends belanglos wird die Produktion durch die Bühnenbilder des deutschen Maler-Fürsten Markus Lüpertz. Nicht weil sie schlecht wären, sondern weil ihr Zusammenhang mit „Faust“ nicht erkennbar ist – vielleicht waren das schon Entwürfe für „Saul“, sie schienen zumindest eher alttestamentarische oder noch ältere Bildprogramme aufzugreifen.

Wichtiger als all das: Wie klingt das Haus? Es ist nicht wiederzuerkennen, und man fragt sich, ob man noch im selben Raum ist, ja ob man überhaupt in einem Opernhaus ist, denn da klingt es ja meistens nicht allzu gut. Die Staatskapelle schafft selbst in der muffigen Schumann-Instrumentation einen hellen, klar konturierten Klang, weg ist die dumpf-trockene Wohnzimmerakustik. Ob das für die Sänger genauso gut funktioniert, ist noch nicht ganz klar. Als der Chor der Staatsoper, einstudiert von Martin Wright, in Gruppen verteilt aus dem Zuschauerraum sang, entstanden seltsame Echos – aber von dort muss er ja auch nicht singen. Von der Bühne aus klang er transparent und rund.

Die Schauspieler mussten sich durchaus mühen, verständlich zu werden, beim Begleiten hielt sich Daniel Barenboim zuweilen deutlich zurück. Das ergibt dann zauberhafte Momente, etwa in Gretchens Szene am Zwinger, die Elsa Dreisig mit bezwingender Jungmädchen-Bekümmernis singt: Hier verbindet sich ihr Sopran mit dem Orchester zu einem unvergesslichen Gesamteindruck.

Berliner Staatsoper:
6. Oktober, 14., 17. Dezember.
www.staatsoper-berlin.de

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