Kirilll Serebrennikow

„Noch kein Sieg“

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Aber immerhin ist Kirilll Serebrennikow aus dem Hausarrest entlassen worden.

Der Hauptangeklagte umarmte noch im Gerichtssaal Freunde und Kollegen. „Das ist noch kein Sieg“, verkündete Serebrennikow, „aber schon fast, wir sind nahe dran.“ Am Montag hat das Moskauer Stadtgericht den Hausarrest für den Film- und Theatermacher Kirill Serebrennikow, 49, sowie drei seiner Mitangeklagten im Betrugsprozess um das Theaterprojekt „Siebtes Studio“ aufgehoben. Sie dürfen sich künftig wieder frei in Moskau bewegen, die Stadt aber nur mit Erlaubnis der Behörden verlassen, ihre Reisepässe bleiben eingezogen.

Diese Hafterleichterung kam überraschend, erst vergangene Woche war der Hausarrest gegen Serebrennikow noch um drei Monate verlängert worden. „Alle Zeugen sind schon vernommen worden, während 22 Monaten Hausarrest hat Serebrennikow nicht versucht, zu fliehen“, erläuterte sein Strafverteidiger Dmitri Charitanow den Sinneswandel der Richter gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. „Er stellt keinerlei Gefahr für die Öffentlichkeit dar.“

Andere Experten vermuten dagegen, die Entlassung aus dem Hausarrest sei das Ergebnis der Bemühungen einflussreicher Gönner des international bekannten Avantgarde-Regisseurs. „Im Kreml wird Serebrennikow unter anderem von Wladislaw Surkow unterstützt“, sagt der Rechtsanwalt Mark Feigin der FR. Surkow, Putin-Berater und Funktionär der ostukrainischen Rebellenrepubliken, gelte mit Serebrennikow als befreundet, seit dieser einen Roman Surkows auf die Bühne brachte.

Kremlsprecher Dmitri Peskow, der laut Feigin auch zu den Unterstützern Serebrennikows gehört, erklärte gestern gegenüber Journalisten, er habe kein Recht, Entscheidungen des Gerichtes zu kommentieren. „Das ist auf jeden Fall ein positives Signal“, sagt der Menschenrechtler Sergei Dawidis. „Aber es hat offenbar weniger juristische Gründe, juristisch wäre Serebrennikows Hausarrest von Anfang an überflüssig gewesen.“ Auch Dawidis vermutet, das Strafverfahren gegen den Regisseur und seine Entwicklung resultiere aus einem Konflikt innerhalb der staatlichen Elite.

Der Prozess gegen Serebrennikow läuft seit vergangenem Oktober vor dem Meschtschanski-Bezirksgericht in Moskau. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm und seinen Mitangeklagten vor, umgerechnet 1,8 Millionen Euro unterschlagen zu haben, die das „Siebte Studio“ zwischen 2011 und 2013 für die Verwirklichung von Bühnenprojekten vom Staat erhalten hatte. „Schwerer Betrug“, für den bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen.

Zuvor hatte der Regisseur in seinen Werken wiederholt Homosexualität thematisiert, die Russisch Orthodoxe Kirche kritisiert, ebenso den kriegerischen Hurra-Patriotismus der Staatsmedien. Das soll vor allem Kulturminister Wladimir Medinski erbost haben. Zahlreiche Vertreter der Moskauer Intelligenz vermuteten, man wolle Serebrennikow in einem Schauprozess verurteilen, um allen kritischen Köpfen in Russland Angst zu machen. Auch internationale Filmgrößen und westliche Politiker setzten sich öffentlich für Serebrennikow ein.

Ende März kritisierte auch Dmitri Kisseljow, Moderator des Staatssenders Rossija 1 und führender TV-Propagandist, in seiner Nachrichtenshow Wremja Nedeli den Prozess. „Ich kann nicht sagen, ich sei ein Fan Serebrennikows, aber hier geht es nicht darum, sondern um den kleinen Stalin in uns.“ Diesen gelte es auszumerzen, Wladimir Putin selbst halte Repressalien gegen die Kultur für gefährlich.

Nach Angaben der Verteidiger wird das Gericht eine neue Finanzexpertise in Auftrag geben, die die Angeklagten weiter entlasten könnte. Und Anwalt Fejgin vermutet: „Zu einer Gefängnisstrafe wird Serebrennikow wohl nicht mehr verurteilt werden“.

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