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Der Mensch ist das Versuchskaninchen: Luana Velis und Torsten Flassig kurz mal als Affe.

Frankfurter Schauspiel

Nichts wie weg von hier

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Marius von Mayenburgs Endzeit-Stück "Mars" im Frankfurter Schauspiel.

So übel scheint es doch auf der Erde gar nicht zu sein. Der Wald – durch ein sich fast über die ganze Bühnenbreite erstreckendes Fenster zu sehen – ist sonnengefleckt, die Vögel zwitschern, ein leichter Wind weht. Aber die beiden Menschen, die sich mit einer Kapuze über dem Kopf von einer dritten, seltsamen Gestalt nun durch diesen Wald führen lassen, tun das, weil sie weg wollen, weit weg. Sie haben sich für einen Test, ein Auswahlverfahren gemeldet, um mitgenommen zu werden auf eine Mars-Mission. Oder vielleicht hat auch der Vater seine Tochter einfach mit angemeldet; denn welcher Vater möchte nicht sein Kind gerettet wissen, wenn denn dann die Erde in die Sonne stürzt – es jedenfalls offenbar irgendwie mit dem Planeten zu Ende geht.

„Mars“ heißt ein nagelneues Stück des Dramatikers und Regisseurs Marius von Mayenburg, als Auftragsarbeit des Frankfurter Schauspiels hatte es jetzt in den Kammerspielen Uraufführung. Zuerst kommen also Vater und Tochter in einem Gebäude im Wald an, wo sie, wie man annehmen soll, umfangreich kameraüberwacht werden und einen Test zu bestehen versuchen, von dem sie gar nicht wissen, wie er eigentlich aussieht. Dann kommt Edgar hinzu, ein junger Mann, er lässt sich ebenfalls unter einer Kapuze herführen. Schließlich taucht Oskar auf, Edgars psychisch kranker, gewaltbereiter Zwillingsbruder. Zwischendurch behauptet er, er sei Edgar und Edgar Oskar.

Autor von Mayenburg hat bei „Mars“ auch Regie geführt, er hält sich an seine eigenen Regieanweisungen. Dafür braucht es einige Videofilm-Unterstützung – für Wald, Halluzinationen im Wald (Oskars Visionen), für Menschen-Affen und zuletzt eine allesverschlingende Flut mit Quallen und Hai. Sébastien Dupouey hat gefilmt, das Video bearbeitet und die ansonsten karge Bühne eingerichtet. Almut Eppinger hat die vier Mars-Siedlerkandidaten in normale Freizeitklamotten gesteckt, dafür kommt Testleiter Yannik, Torsten Flassig, im eierschalenfarbenen Glanzanzug daher wie ein Conférencier. Der er irgendwie auch ist, immer geschmeidig, immer cool und stäubchenfrei.

Dystopien und Weltendegeschichten sind gerade schwer in, im Fernsehen, aber auch auf der Bühne (das Schauspiel hat noch Laura Naumanns „Das hässliche Universum“ im Programm). Von Mayenburg möchte wohl schon, dass sich der Zuschauer ein wenig gruselt, aber er will es ihm auch unterhaltsam und ein wenig lustig machen – und außerdem den Figuren einen Hintergrund, ein individuelles Schicksal geben. Das macht den Abend stilistisch so unentschlossen wie von Mayenburgs „Romeo und Julia“-Inszenierung im Großen Haus.

Wir erfahren: Johanna, Luana Velis, wurde von ihrer Mutter verlassen, als sie sechs war. Wir sehen: sie flippt aus, als sie jetzt von ihrem Vater, Michael Schütz, erfährt, dass die Mutter keineswegs tot ist. Dass diese vielmehr mit ihrem Lover, einem Physiotherapeuten, in Italien Oliven anbaut – hier darf gelacht werden und wird gelacht. Edgar, Nils Kreutinger, wiederum hat es seiner Mutter nicht verziehen, dass sie es nicht mitbekam, als Oskar, der wuchtige André Meyer, ihn mal in den Keller sperrte. Oskar wollte sie für sich haben. Die Mutter fragt sich nicht, wo Edgar ist. Schwerer Ausnahmefehler. Vom Vater ist übrigens nicht die Rede.

Es ist aber nicht so, dass diese Küchenpsychologie zu irgendetwas führt. Dass man sich, zum Beispiel, ernsthaft für die Figuren interessiert, sobald man von diesen Wendepunkten in ihrem Leben gehört hat. Dass man plötzlich nicht mehr denkt: Welche Geschichte will Marius von Mayenburg hier erzählen? Eine vom Menschen, der des Menschen Wolf wird, sobald er in Konkurrenz um knappe Ressourcen steht? Eine von egoistischen Müttern und dem Schaden, den sie anrichten? Eine davon, wie leicht der Mensch zu manipulieren und aufzuhetzen ist?

„Mars“ erzählt von allem ein bisschen. Marius von Mayenburg witzelt und reimt („Nun liebt euch für den guten Zweck, ich grüß euch und bin erstmal weg“, Yannick), er lässt die Menschen-Affen die Menschen beobachten, sie mit Salatblättern und Möhren versorgen – und wie Homo sapiens sich drauf stürzt, ausgehungert. Er lässt Oskar die Nebenwirkungen seines Medikaments aufzählen: „Urinflussvermehrung, Urinflussverminderung, Blutdruckerniedrigung, Lungenentzündung, Nasenverstopfung“ usw. usf. – man könnte vielleicht „sinnlose Witzchenvermehrung“ hinzufügen.

Das eigentlich nicht überlange Stück – 100 Minuten ohne Pause in von Mayenburgs Inszenierung – franst an diesen Stellen aus. Und erlaubt sich am Ende eine kleine bittere, unoriginelle Pointe.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 30., 31. Mai, 7., 15., 18. Juni.

www.schauspielfrankfurt.de

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