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Drei Personen suchen ein Stück: Willemijn (v. l.), Carola, Elias.

Frankfurter Positionen

Ich bin nicht mehr da

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Ein listiges Theaterspiel von Jetse Batelaan im Mousonturm Frankfurt.

Theater ist etwas, dem man sich widersetzt“, lautet der Wahlspruch des niederländischen Theatermachers Jetse Batelaan, dem gerade ein Silberner Bär der Venedig-Biennale zugesprochen wurde. Was Batelaan damit meinen könnte, das zeigt ein hinterlistiges neues Jugendstück, das 75 Minuten lang komplett aus der Rolle fällt: „(.....) Ein Stück, dem es scheißegal ist, dass sein Titel vage ist“, hatte im Frankfurter Mousonturm und im Rahmen der Frankfurter Positionen Uraufführung. Die Pünktchen in der Klammer sind übrigens der eigentliche Titel.

Es ist zunächst zappenduster. Nach einer ganzen Weile wird es hell, aber die Bühne ist leer. Schon wird es wieder dunkel. Dunkel. Hell. Dunkel ... Zwei junge Leute kommen rein. Ein Moped knattert, Abgaswolken (keine Sorge, Theaternebel) dringen durch den schwarzen Vorhang. Zuletzt sind da drei Darsteller – sie heißen Carola Bärtschiger, Elias de Bruyne, Willemijn Zevenhuizen und sprechen sich mit ihren Originalvornamen an –, stehen rum, reden, maulen über ein Stück, in dem sie gerade mit ihrem Lehrer waren. Fast dauernd war’s dunkel. Was sollte das? Ist denen nichts eingefallen oder was? Wie langweilig. Das hätten sie sich ja denken können, dass der Lehrer so ein ödes Stück raussucht. Oder war es womöglich noch gar nicht fertig?

Im Laufe des Abends wird Jetse Batelaan mit Lässigkeit und auch mit Humor beweisen, dass Theater alles darf, das sowieso, und auch alles kann. Zum Beispiel kann es behaupten, dass die drei Jugendlichen auf einem Stadtplatz stehen, auf dem es außerdem eine kleine Baustelle mit Loch, Sandhaufen, Schaufel gibt. Zum Beispiel kann es behaupten, dass ein graubrauner Rucksack rosa ist. Und ein roter Trainingsanzug grün. Theater kann Stimmen aus dem Off einspielen und vertauschen: Elias denkt irgendwann, er wird wahnsinnig, weil Carola mit der Stimme Willemijns spricht und umgekehrt. Carola und Elias denken irgendwann, sie werden wahnsinnig, weil Willemijn darauf besteht, nicht mehr anwesend zu sein. Carola tritt ihn sogar. Nein, er sei weg, er spüre das nicht, sagt Willemijn, der ja aber doch leibhaftig vor den beiden steht. Schließlich kann Elias nicht glauben, dass sie draußen auf einem Platz sein sollen: da ist doch nur ein schwarzer Vorhang rundum. Und auf der einen Seite – die drei gehen auf die Zuschauer zu – sind lauter Leute. Was macht ihr da? Gucken, sagt jemand aus dem Publikum vergnügt.

Batelaans Mittel sind alles andere als kompliziert oder aufwendig, aber er verschiebt damit die Ebenen aufs Vergnüglichste. Er ist ein Illusionist, ein Theatermagier, der gleichzeitig anders als ein Zirkus-Zauberer keine Probleme damit hat, seine Tricks offenzulegen. Immer wieder stößt er einen mit der Nase darauf, dass doch alles nur ein Spiel ist. Aber auch, dass es eine Komplizenschaft geben muss zwischen Theaterleuten und Publikum; weil letzteres bereit sein muss, auf der Bühne eine Baustelle mit Loch, Sandhaufen, Schaufel zu sehen, selbst wenn nur ein schwarzer Stoffscheibe das Loch, nun ja, verkörpert. Und selbst wenn da gar nichts ist außer dem Bühnenboden.

Mousonturm, Frankfurt: 2. Februar. Frankfurter Positionen noch bis zum 8. Februar. www.mousonturm.de

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