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Nibelungenfestspiele in Worms mit der „hildensaga“: Wenn sie miteinander geredet hätten

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Von: Judith von Sternburg

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Doch ein ungewöhnlicher Anblick auf einer Theaterbühne. Genija Rykova als Brünhild bei den Nibelungenfestspielen in Worms.
Doch ein ungewöhnlicher Anblick auf einer Theaterbühne. Genija Rykova als Brünhild bei den Nibelungenfestspielen in Worms. © dpa

Das Brünhild-Kriemhild-Bündnis: Ferdinand Schmalz’ „hildensaga“ in Worms spektakulär uraufgeführt.

Es ist meistens leichter, sich vorzustellen, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Es klingt auch wahrscheinlicher und ist die Grundlage für zahllose Schurkereien im Leben und in der Kunst. Im Nibelungenlied ist die Rivalität zwischen Brünhild und Kriemhild um den Rang ihrer Männer und damit auch ihre Position als First Lady ein integraler Bestandteil des verheerenden weiteren Verlaufs. Einer der großen Zickenkriege, der schließlich in die größte Metzelei der Literatur seit der „Ilias“ mündet. Behaglich in seinem Halbschatten verborgen liegt der Auslöser des Streits: ein unfassbarer Verrat von Männern.

Wie könnt ihr wissen, was passiert ist, und dieses Unrecht hinnehmen, sagt nun aber Brünhild vor dem Wormser Dom, und die Schauspielerin Genija Rykova sagt es so, dass sich alle auf der Welt gemeint fühlen dürfen, die von Unrecht wissen und es hinnehmen. Ein großer Moment. Und Kriemhild hört ihre Worte und verzichtet darauf, beleidigt zu sein, und die Schauspielerin Gina Haller ist sehr eindrucksvoll darin, nicht beleidigt zu sein. Sie überspringt das Beleidigtsein praktisch und spricht sich durch Brünhilds Zorn und Verachtung hindurch. Eine Szene wie im Antiaggressionstraining und nicht nur das, es ist der Alptraum aller Intriganten, dass nämlich die anderen einfach nicht mitmachen könnten. Brünhild und Kriemhild, im Sinne der Gerechtigkeit, wenn auch nicht des Glücks vereint, erledigen nun gemeinsam, was im Original an Etzels Hof von einer ganzen Heerschar getan wird. Bedauerlicherweise geht es trotzdem nicht gut aus.

Der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz war diesmal eingeladen, über das Nibelungenlied nachzudenken, „hildensaga. ein königinnendrama“ heißt das Ergebnis, der Titel ein lässiger Schmalzscherz, der Untertitel mit einem Hauch von Elfriede Jelinek. Ein aufregender Abend, zusammen mit „Siegfrieds Erben“ 2018 (das Stück damals von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, Regie führte wie jetzt auch Roger Vontobel) wohl das Stärkste, was bei den Nibelungenfestspielen in Worms je zustandekam.

Auch diesmal liegt das an der seltenen Verbindung aus einem gelungenen neuen Text und einem ausgeklügelten Sommertheaterbuhei. Bühnenbildner Palle Steen Christensen hat vor den Dom ein gigantisches Wasserbassin stellen lassen, Leinwände ermöglichen neben Filmeinspielungen auch raffinierte Spiegelungen dieser Wasserwelt, in der das Ensemble nicht nur herumplanscht, sondern auch veritabel taucht.

Vor allem ist dies Brünhilds Welt, Rykova ganz nixenhaft. Der sportive Siegfried, der prachtvolle Felix Rech mit Goldspuren auf dem Leib, kommt hier gut zurande, während die Burgunder Tauchanzüge brauchen: Franz Pätzold ist der infantile Nichtsnutz von König (Ellen Hofmann verpasst ihm vorerst einen Anzug mit Kinderschlafanzugmuster), Heiko Raulin (als Einspringer, aber eine Idealbesetzung) der geschmeidige Hagen.

An Gunters Hof wird die Wasserfläche dann zum Teil einer schicken Spa-Landschaft mit Steg und Gummispielzeug. Die Illumination der Domfassade zu später Stunde: ein Knaller für sich.

Dramatiker Schmalz übernimmt seine übliche eigene Diktion, vielleicht etwas gedrosselt, aber doch schwungvoll, sowohl was den bösen Blick betrifft als auch im Wortwitz. Die Nornen als Fadenwürmer zu bezeichnen: hübsch. Wotan, der unverschämt gemütliche Werner Wölbern spricht so über sie, und das ist mehr als beiläufige Respektlosigkeit. Schmalz macht eine große Rechnung auf, in der sich die Nornen als Überreste eines weiblichen Weltprinzips gegen Wotans Paternalismus zur Wehr setzen. Sie haben die Fäden nicht nur in der Hand, sondern ziehen auch daran.

Wotan seinerseits macht die friedfertige Brünhild erst zur männermordenden nordischen Hexe, der Lumpenkerl, weil sie Siegfried nicht zum Vater ihrer Kinder machen will. Auch wenn es am Ende unübersichtlich wird, lässt sich sagen, dass es für den Gott kein erfolgreicher Abend ist.

Nibelungenfestspiele Worms: bis 31. Juli. www.nibelungenfestspiele.de

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