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Was hat sie, was will sie? Inga Busch als Brünhild. 

Dom Worms

Nibelungen-Festspiele in Worms: Ortlieb will nicht sterben

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Thomas Melles Nibelungenlied-Variante „Überwältigung“ bei den Festspielen in Worms.

Das beharrliche Umkreisen des Nibelungenstoffs bei den gleichnamigen Festspielen am Wormser Dom birgt Gefahren und Gelegenheiten. Imposant ging das im vergangenen Jahr auf, als „Siegfrieds Erben“ (von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, Regie führte Roger Vontobel) erzählten, was danach geschah. Diesmal ist der Eindruck zwiespältiger, und dass er immerhin zwiespältig ist, verdankt sich der Grundidee des ebenfalls von den Festspielen bestellten Stücks „Überwältigung“. Thomas Melle ist der Autor.

Die Grundidee ist wirklich gut. Sie verhakt sich in die Frage, ob alles so kommen musste, wie es kam. Für das Nibelungenlied besteht in der Tat Gesprächsbedarf, für diese Abfolge von Betrug, Wutanfällen, Unachtsam- und Gewalttätigkeiten sowie umfangreichen Vergeltungsaktionen nämlich, bei der eines immer das nächste nach sich zu ziehen scheint. So zeigt sich eine Zwangsläufigkeit, obwohl die Teile dann nicht einmal recht zueinanderpassen wollen. Eines der zahllosen Opfer, das in einer wüsten Mischung aus Kalkül und Zorn von Hagen ermordete Kind Ortlieb, Söhnchen von Kriemhild und Etzel (diese Zusammenhänge werden in Worms zu Recht vorausgesetzt), begehrt nun aber auf, unterbricht das Spiel. Lisa Hrdina, in einer Art blutigem Schlafanzug (heterogene Kostüme: Annelies Vanlaere), schreit die Leute auf der Bühne und uns an, natürlich will Ortlieb nicht sterben – was er für gewöhnlich ohne Text und rasch tut, Hagen ist ein Könner –, natürlich ist der Tod eines Kindes immer der schaurigste Auswuchs der politischen Pläne und Planlosigkeiten von Erwachsenen.

Hrdinas Ortlieb macht also mächtig Wind, macht auch einfach nicht mit, und da Melle eindeutig auf ihrer / seiner Seite steht, lässt er sie / ihn mit der Allmacht des Autors in die Vergangenheit zurückkehren. Wann wäre die Gelegenheit gewesen, die Kette der Gewalt zu unterbrechen? An Ortliebs Seite ist auf dieser Tour leider der namenlose Spielmann, Edgar Eckert, der plappern und lustig herumkullern musst, als wären wir womöglich im Kindertheater; während Hrdina genau diesen Eindruck mit scharfem Ernst und Tunnelblick (nicht sterben, nicht sterben, nicht sterben) unterbindet. Dieses seltsame, übrigens auch unverbindliche Paar ist charakteristisch für das, was jetzt immerhin drei Stunden lang vor sich geht: Zwischen teils weit auseinanderfallenden Szenen wird die Grundidee allmählich zerrieben, Szenen, die die Regisseurin Lilja Rupprecht auf Anne Ehrlichs christo- oder umzugsmäßig weiß verschnürter, nicht sehr ertragreicher Bühnenlandschaft geduldig aneinanderreiht, ohne sie verbinden zu können. Vor allem erfährt die Grundidee nicht die dramaturgische Raffinesse, die sie verdient hätte. Eine Alternative zum Nibelungenlied muss sitzen, und sie muss auch auf etwas hinauslaufen, das sitzt.

Dass Hagen früher sterben müsste, um Ortlieb zu retten, ist zwar plausibel, aber als es so weit ist, interessiert sich der Text schon für etwas anderes: Ironisch wird das Unkaputtbare, das Wiedergängertum des namhaftesten aller Schurken – nicht zuletzt ja hier, an diesem Ort – thematisiert. Prächtig thematisiert, weil er von Klaus Maria Brandauer gespielt wird, dem Stargast der Aufführung. Brandauers Hagen: extrem abgeklärt, abgebrüht, distanziert mitwerkelnd und reinkommentierend, meistens in Regisseurs- und Autorenschwarz. Zur Brille passt aber auch mal eine veritable Ritterrüstung.

Dass sich Melle nicht auf eine zu gravitätische Lesart einlassen will, ehrt ihn, dem langen Abend fehlt es dadurch jedoch beträchtlich an Wucht und Schrecken. Wo die Wucht auftritt – im endlich von innen beleuchteten Dom, während es dunkel wird, oder zu den aufwendig züngelnden Schlangenvideos (Tilo Baumgärtel, Moritz Grewenig), um den Sex nicht originell, aber wirkungsvoll zu bebildern –, geht sie weitgehend ins Leere. Das gilt auch für die an sich traumhafte Besetzung der zentralen Frauenfiguren: Kathleen Morgeneyers Kriemhild und Inga Buschs Brünhild müssen geradezu aneinander vorbeispielen, während Moritz Groves Gunther wenigstens einen großartigen Monolog bekommt. Darin kann er sein fundamentales Fremdsein in dieser Geschichte eloquent herausbrüllen.

Vielleicht sind einige Szenen/Textteile zu kammerspielhaft für das Spektakelige eines Sommertheaters, für das dagegen die effektvolle Musik von Friederike Bernhardt gerade richtig ist.

In der ersten Hälfte regnete es teilweise sattsam auf das festlich gekleidete Premierenpublikum herab. Capes raschelten, nur ganz leise wurde gegickelt. Regentropfen auf dem Kopf, ein Gefühl wie früher.

Termine

Nibelungen-Festspiele in Worms: bis 28. Juli. www.nibelungenfestspiele.de

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