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Neustart am Stadttheater Gießen: Tabula rasa

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Von: Judith von Sternburg

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Tanz und Video im zweiten Teil, „Eine posthumane Geschichte“. Foto: Johanna Senger
Tanz und Video im zweiten Teil, „Eine posthumane Geschichte“. Foto: Johanna Senger © Johanna Senger

Pat To Yans „Posthuman Journey“ zum Neustart in Gießen.

Das Theater kokettiert gerne damit, dass es auch eine große Fertigungshalle ist. Hinter den Kulissen, dem kaschierenden Samt und Stuck sind dann die Kabel, Gerüste, Zweckmäßigkeiten zu sehen, schwarz wie der Rechner hinter der Benutzeroberfläche und das All hinter der Atmosphäre. Das Stadttheater Gießen geht aber ungewohnt weit: Zum kühnen Amtsantritt der Intendantin Simone Sterr, Nachfolgerin Cathérine Mivilles, die das Haus 20 Jahre lang leitete, wurde zunächst einmal Tabula rasa gemacht und der ganze Saal des schmucken Hauses geleert. Ohne Bestuhlung, Orchestergraben, erhöhte Bühne löst sich die trennende Linie der vierten Wand in Luft auf, entsteht eine karge Halle (bis man nach oben zu den Rängen und zur Decke schaut), eine Agora im geschlossenen Raum.

Das Publikum wandelt theoretisch umher – praktisch stellt und setzt es sich nach Publikumsgewohnheit um die vermutete Mitte des Geschehens herum, die allerdings zunächst nicht so einfach zu finden ist. Dort ein Klavier, hier ein Streichquartett. Monika Gora sorgt dafür, dass ein paar Anwesende durch ihre Kleidung auffallen, aber ausgerechnet der junge Mann mit dem kleinen Rucksack nicht, Davíd Gavíria, der gewissermaßen durch den Abend führt. Jetzt spricht er Leute an und fragt nach ihrer Fluchtrichtung. Eine beunruhigende Frage. Der junge Mensch kommt aus der problematischen Region Zukunft. Bei uns sieht er sich als Warner um, aber vielleicht auch mit dem (versandenden) Versuch, fatale Entwicklungen aufzuhalten. Dafür gibt es etwas Musik (Hannes Strobl und Michael Emanuel Bauer), die ihre Zeitlosigkeit in dieser merkwürdigen Zwischenwelt spielerisch unter Beweis stellt. Zumal auch getanzt wird (Choreografie Raphael Moussa Hillebrand), der Chor wird ebenfalls auftreten an diesem spartenübergreifenden Abend, um einen vertrauten Begriff aus der Stadttheaterwelt zu nennen.

Regisseur Thomas Krupa, der den Raum zusammen mit Stefano Di Budoa (auch für die Videos verantwortlich) eingerichtet beziehungsweise ausgeräumt hat, legt es dabei nicht auf Überwältigung an. Eher geht es um eine Irritation und Neurorientierung. Wäre das Ambiente bürgerlicher, könnte man von Melancholie reden. Dass im leisen, beiläufigen Geschehen Figuren auftauchen, die nachher wiederkehren werden, „Die weiße Knochenfrau“, „Die Katze mit einem Loch“, wird man kaum erfassen können.

„Eine kurze Chronik des künftigen China“ heißt der erste Teil der Trilogie „Posthuman Journey“ des aus Hongkong stammenden Dramatikers Pat To Yan. Das Stadttheater zeigt zum Neustart alle drei Teile, erst in dieser Verbindung ist das eine Uraufführung. Wer im Lockdown gestreamt hat, kam zum Beispiel kaum vorbei am zweiten Teil, „Eine posthumane Geschichte“, der für das Festival Frankfurter Positionen 2021 vom Schauspiel Frankfurt als packender Theaterfilm präsentiert wurde. Auch in Gießen ist dieser zweite Teil der eindrucksvollste. Zwar verschließt er sich wie das ganze Projekt in seinem (mutmaßlichen) Anspielungsreichtum auf chinesische Verhältnisse, Märchenfiguren, Redewendungen, erzählt aber eine dolle Geschichte. Ein junger Ami und Computerspiele-Fex wird vom Militär als Drohnenlenker angeworben. Sein Sohn, den die Eltern nicht künstlich optimieren lassen wollten, wird nun ohne Po geboren, ein schweres Handicap, das zwar durch einen Cyber-Po zu korrigieren ist, aber um den Preis rasanten Alterns. Der Vater, der sich (zu Recht) verflucht fühlt, will an den Ort reisen, an dem auch er „Kollateralschäden“ angerichtet hat.

Krupa pflückt das eigenwillig auseinander. Das Publikum ist jetzt auf der Bühne versammelt, wo gespielt und getanzt wird, die Stimmen zum Teil vom Rand beigesteuert. Faszinierend, wie sich ins Befremdliche das vertraut Menschliche einnistet. Die Sehnsucht, die Liebe.

Bevor es im dritten Teil, „Überall im Universum Klang“, auf eine Weltraumreise geht. Von wo nach wo? Mit uns Erdlingen hat das längst nichts mehr zu tun. Die anderen sind aber sympathische Leute. Das Publikum schaut nun von der Bühne in den Zuschauerraum und hört unter anderem eine fragmentierte Version von Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Vorerst sind es allemal Menschen, die sich das posthumane Zeitalter vorstellen.

Stadttheater Gießen: 9. Oktober, dann wieder im nächsten Sommer. www.stadttheater-giessen.de

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