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Es geht ums Arbeiten, nicht ums Menschsein: „Die gute Erde“. Foto: Isabel Machado Rios
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Es geht ums Arbeiten, nicht ums Menschsein: „Die gute Erde“.

Kassel

Neustart am Staatstheater Kassel: Ein Pflänzchen reicht nicht

  • VonJoachim F. Tornau
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Mensch und Umwelt, Gretchen ohne Faust: Mit zwei Uraufführungen startet in Kassel die erste Schauspielsaison unter dem neuen Intendanten Florian Lutz.

Dunkel ist es, düster geradezu. Hundert Reisschalen stehen auf der Bühne, umgedreht, in Reih und Glied. Unter ihnen ist nichts. Doch, hier: ein Reispflänzchen, leuchtendgrün, im Lichtkegel. Das Bild der Hoffnung bedeutet zugleich sein Gegenteil: Eine Erde, die so ausgelaugt ist, dass das einzelne Pflänzchen zur Hoffnung wird, kann die Menschen nicht mehr ernähren. „Wie viele Enkelkinder habe ich jetzt?“, fragt Wang Lung, der Bauer, und meint damit nicht nur seine Familie. „Es werden immer mehr, immer mehr.“

Am Kasseler Staatstheater hat die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Florian Lutz begonnen. Der 42-Jährige, als Nachfolger des langjährigen Theaterchefs Thomas Bockelmann von der Oper in Halle nach Nordhessen gekommen, hat ein junges Leitungsteam um sich geschart. Es wird, so viel darf man jetzt schon begründet annehmen, das Kasseler Publikum fordern, mit neuen Ideen, neuen Wegen, einer neuen Ästhetik.

Das Opernhaus ließ Lutz zum „Pandaemonium“ umbauen, mit Zuschauerplätzen rund um die Bühne, auf drei Etagen. Auf der kleinen Bühne im Fridericianum nahm sich Regisseur Bert Zander Goethes „Faust“ an, strich den Titel aber gleich wieder durch und ersetzte ihn durch „Gretchen“, vor dem der durchgestrichene Faust stehengeblieben ist.

Die „theatrale Videoinstallation“, wie Zander sein Projekt genannt hat, erzählt den klassischsten aller deutschen Klassiker neu, aus der Perspektive von Margarethe, dem minderjährigen Mädchen, das, von Faust bedrängt, verführt und geschwängert, zur Kindsmörderin wird. Die Inszenierung, in der Emilia Reichenbach allein gegen vier Videoleinwände anspielt, ist aber auch Ausdruck der von Lutz und seinem Team proklamierten Öffnung zur Stadtgesellschaft: Mehr als fünfzig Kasseler Bürgerinnen und Bürger wirkten vor der Kamera mit.

Zwei parallel gezeigte Uraufführungen: Im Schauspielhaus brachte Mina Salehpour die Geschichte von Wang Lung auf die Bühne, jenem Reisbauern, der seinen Landbesitz über alles stellt, der ohne Rücksicht gegen sich und seine Familie zum Großgrundbesitzer aufsteigt und der doch nicht verhindern kann, dass sein Lebenswerk mit ihm verschwinden wird. Es ist eine auf gut anderthalb Stunden verdichtete Interpretation des Romans „Die gute Erde“, mit dem die US-amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck, in China aufgewachsen, der westlichen Welt das chinesische Bauernleben näherbringen wollte.

Salehpour findet starke, poetische Bilder für das ganz um die eigene Scholle kreisende Leben und Denken, für ein Dasein, das sich ganz der Natur ausliefert, mit ihren Dürren und Überschwemmungen. Bevor am Ende die Reisschalen aufgereiht werden, ist die Bühne leer bis auf Taue, die aufgerollt zu Brunnen werden, ausgelegt zu den Furchen eines Ackers und wild wogend zu den Fluten des über die Ufer tretenden Flusses (Bühne: Andrea Wagner).

Das fünfköpfige Ensemble – Lisa Natalie Arnold, Clemens Dönicke, Marcel Jacqueline Gisdol, Sandro Šutalo und Christina Weiser – ist verbunden in einer Art Tanz mit den Elementen, uniform gekleidet, austauschbar. In dieser Welt zählt allein die Arbeit, nicht das Menschsein. Und Frauen wird nur dann ihr Recht zu leben gelassen, wenn sie als Arbeits- oder Sexsklavin taugen. „Die gute Erde“ hat auch eine feministische Dimension.

Im Vordergrund von Salehpours – gelegentlich vielleicht etwas überästhetisierter – Inszenierung aber steht das Spannungsverhältnis von Mensch und Umwelt. Etwas unvermittelt kommt, in einem fulminanten Monolog von Christina Weiser, der US-Naturschutzpionier Aldo Leopold zu Wort. Und dem Programmheft lässt sich entnehmen, dass der Reis, der einmal vom Himmel regnet, wiederverwendet wird. Theater mit Nachhaltigkeitsanspruch, auch das ist neu, nicht nur in Kassel.

Staatstheater Kassel: „Die gute Erde“ am 16. Oktober, 11. November. „Gretchen“ am 1., 10, 16., 31. Oktober. www.staatstheater-kassel.de

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