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Oliver Reese war acht Jahre lang Schauspielintendant in Frankfurt.

Oliver Reese

Das neue Berliner Ensemble

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Oliver Reese stellt sein BE-Programm vor. Das Berliner Publikum wird viele Schauspieler, die Reese nach Frankfurt gefolgt sind oder sich überall in der Theaterrepublik verstreuten, wiedersehen.

Das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm wird ausgetauscht. Bei der Abschiedspressekonferenz von Claus Peymann kamen gut 15 Journalisten, nun aber, zur Programmvorstellung des Peymann-Nachfolgers Oliver Reese, ist das Rangfoyer voll besetzt mit ungefähr hundert Medienvertretern und mit vielen Mitarbeitern und Mitgliedern des neuen Berliner Ensembles. So ist das. Vor gerade einmal zwei Wochen haben wir Pressekollegen bei der Spielzeitvorstellung von Chris Dercons neuer Volksbühne gesessen, und bei allen Ähnlichkeiten in den Ritualen, ist dies hier doch ein Kontrastprogramm.

Es beginnt schon einmal damit, dass Oliver Reese, sekundiert von dem der Leitung angeschlossenen Hausregisseur Michael Thalheimer, die neuen Schauspieler vorstellt – 28 haben einen Festvertrag bekommen, teilweise über mehrere Jahre. Die Ensemble-Mitglieder spielen ihre Premieren exklusiv am Schiffbauerdamm, es gibt keine Ein- oder Zwei-Rollenabmachungen für bessergestellte Protagonisten, wie sie im deutschsprachigen Stadttheater immer üblicher werden und somit den Ensemble-Gedanken aushöhlen.

Weil Reese vor seinen acht Jahren als Schauspielintendant in Frankfurt in Berlin unter Bernd Wilms am Deutschen Theater und am Maxim-Gorki-Theater Chefdramaturg war, wird das Berliner Publikum viele Schauspieler, die Reese nach Frankfurt gefolgt sind oder sich überall in der Theaterrepublik verstreuten, wiedersehen.

Darunter Constanze Becker, Bettina Hoppe, Felix Rech, Tilo Nest, Corinna Kirchhoff oder Kathrin Wehlisch. Manche sind von anderen Berliner Theatern abgeworben worden: Peter Moltzen, Stephanie Eidt und Ingo Hülsmann von der Schaubühne, Andreas Döhler vom Deutschen Theater und Patrick Güldenberg und Annika Meier von der Volksbühne.

Das mit der künstlerischen Heimat scheint Reese ernst zu sein, ein Ort, an dem sich die Künstler – Schauspieler, Autoren und Regisseure – für längere Zeit miteinander auseinandersetzen. Das ist es, was man bei Dercon auf einmal so vermisste. Und das ist es auch, was Reese mit seinem nächsten Konkurrenten Ulrich Khuon am Deutschen Theater gemeinsam hat.

Wo man vor Kurzem vielleicht noch befürchtet hat, ein zweites DT zu bekommen, freut man sich nun, dass es ein ernst gemeintes Ensemble-Theater mit literarischem Anspruch bleibt. Thalheimer ist in Berlin längst durchgesetzt, man könnte auch sagen durchgearbeitet. Aber es kommen auch viele Jungstar-Regisseure, die Reese ja in Frankfurt mit aufgebaut hat – Antú Romero Nunes, Ersan Mondtag und David Bösch. Das Programm besteht überwiegend aus Stücken lebender Autoren mit einem Schwerpunkt ins Angelsächsische, der in der Herangehensweise auch in dem „Autorenprogramm“ von Moritz Rinke eine Rolle spielt. Dort wolle man nach dem Muster des britischen National Theatre Studios Dramatik in Entwicklungsprozessen entstehen lassen, das heißt, sie wird mit Schauspielern ausprobiert und geschliffen – „geworkshopt“ (Rinke), bevor sie auf die Bühne kommt. Man grenzt sich von Performancekunst-Konjunkturen ab, wolle keine „Postsowiesofunktionsträgervonirgendwas“, sondern „Menschendarsteller“.

Bei aller Profilierung werden Stoßrichtungen, aus denen Kritik zu erwarten ist, abgedeckt. Brecht wird gespielt, „mit Lust“, wie Thalheimer sagt. Und es gibt auch Auskragungen in den Bereich der interdisziplinären Kreationen, ein bisschen Tanz, Musik, bildende Kunst und ein ganz kleines bisschen Digitalität. So sollen Mininszenierungen aus dem originalen Mercedes Ponton von Helene Weigel gestreamt werden. Schönes Auto. Schön ist auch, dass Frank Castorf einmal jährlich im BE als Gastregisseur aufkreuzt.

Reese, der auch schreibt und inszeniert, versteht sich in erster Linie als Theaterleiter, nimmt ohne rot zu werden das Wort Manager in den Mund und erläutert mit Begeisterung Modernisierungs- und Umbaumaßnahmen. Seine Augen leuchten nicht nur, wenn er von Schauspielern schwärmt, sondern auch, wenn der Betrieb schnurrt. Der Berliner Zuschauer wird sich sehr schnell daran gewöhnen.

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