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Steven Ebel in der Titelrolle.

Oper

Im Namen der Gnade

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Mozarts „La Clemenza di Tito“ ist in Mainz hervorragend ausgestattet.

Die große Oper ist nichts Besonderes und die Musik sehr schlecht, so dass wir alle nahe daran waren einzuschlafen“ – das schrieb die Kaiser-Gattin Maria Louisa am Tag nach der Uraufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts „La Clemenza di Tito“. Titus, der Milde, als Schlaftablette: Das ist sein Schicksal, darunter leidet er bis heute. Dieser Opernheld ist eben nicht so deftig wie Don Giovanni, nicht so quirlig wie Figaro, nicht so zynisch wie „Così fan tutte“, nicht so verspielt wie „Die Zauberflöte“. Titus ist harmlos, er ist der Nerd auf dem Pausenhof. Das ist nicht fair und trifft auch nicht den Kern, aber für Opernspielpläne ist Fairness kein Kriterium.

Seit dem Mozart-Jahr 2006 zeichnete sich aber eine leichte Kurskorrektur ab; eine solche gab es jetzt auch am Staatstheater Mainz, die Regisseurin Katrin Sedlbauer widmet sich hier dem Unglücksraben Titus, dem nichts glücken will, der aber standhaft an seiner Güte festhält. So ganz glücklich wird man mit dieser Inszenierung nicht, denn allzu vieles ist austauschbar. So etwa die Bühne von Stefan Heyne: Eigentlich wunderbar flexibel, ästhetisch auch in ihrer Halbtransparenz, der Gegensatz von Innen und Außen kommt gut zum Tragen. Dennoch ist eine gelenkige Universalbühne, wie man sie oft sieht, darauf Darsteller in Universal-Kostümen. Anzugträger, die Gesellschaft von heute, ja nun, Standard. Jacke an, Jacke aus, Anschmieg- und Ansingkonstellationen, nicht nur Maria Louisa kann da schon mal schläfrig werden. Die Oper ist inszenatorisch schwer, keine Frage, aber hier wurde es zusätzlich schwer gemacht. Sextus, eine Hosenrolle: Der Sängerin wurde ein Bart angeklebt, aber warum, wenn kein Coach für Männlichkeit ihre Bewegungen überprüft. Sie schmiegt und leidet wie eine Frau, und wenn sie als Mordwerkzeug ein Messer hochhält, das nicht mehr als ein Knippchen ist und jede Handgepäckkontrolle am Flughafen überstünde und beim Runterfallen klingt wie ein Jogurtlöffel: Wirkungsvoll geht anders.

Ins Universale hinein hat Katrin Sedlbauer einige Metaebenen eingezogen: Kinder in weiß, die nur der Protagonist zu sehen scheint; Partisanen, die das italienische Widerstandslied „Bella Ciao“ singen, wobei es auf der Bühne ja in keiner Weise politisch zugeht.

An zwei Defiziten hat diese Titus-Oper seit jeher zu leiden: Am Puppenhaften der Figuren, die jetzt in Mainz aber doch gar nicht so unlebendig sind. Und an den überlangen Rezitativen, die nicht von Mozart stammen. Da hätte Kapellmeister Samuel Hogarth am Hammerklavier in der Tat etwas blumiger agieren können, immerhin ist er ja auch gelernter Jazz-Pianist. Davon abgesehen gibt es aber musikalisch rein gar nichts auszusetzen. Das Orchester klingt kernig, spielt mit Schwung, die Bassett-Soli waren in der Premiere traumhaft. Sehr kompakt und auf den Punkt auch der Chor, der sich beim Schlussapplaus bei der Regisseurin mit einem Blumenstrauss bedankte, eine seltene Geste.

Die Sängerinnen durch die Bank sicher und beherzt: Nadja Stefanoff als Vitellia war das Kraftfeld des Abends, Geneviève King als verunstalteter Sextus hatte Sturm und Drang und stimmlich fast zu viel Power, großartig auch die beiden kleineren Rollen der Servilia (Alexandra Samouilidou) und des Annio (Vero Miller, auch das eine Mezzo-Hosenrolle, ebenfalls mit Bart). Die Titelrolle sang Steven Ebel, Tenor (und übrigens Komponist, er ist Meisterschüler von Wolfgang Rihm) im Ensemble des Staatstheaters Mainz. Ausgesprochen lyrisch ist seine Stimme, er phrasiert schön – und er kann auch nicht nur milde, wie er vor allem in den Rezitativen des zweiten Aktes zeigte. Da gewinnt dieser Titus wirklich an Format und Größe, da überzeugt die Oper dann so ganz. Am Schluss hat er übrigens Blut an den Händen, dieser Ghandi der Opernbühne, dieser gnädig alles verzeihende Machthaber. Wie man’s macht, macht man’s eben falsch.

Staatstheater Mainz: 18., 20., 25. Februar. www.staatstheater-mainz.com

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