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Bei den Proben zum "Long Christmas Dinner" von Paul Hindemith an der Musikhochschule Frankfurt.

Opernrarität

Nächstes Fest, nächstes Leben

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Paul Hindemiths späte Oper „The long Christmas Dinner“ an der Musikhochschule Frankfurt.

Neunzig Jahre das allfällige Weihnachtsmahl, geboten innerhalb einer Stunde: Das sieht nach Zeitraffer-Groteske, aber nicht nach einer Oper aus. Eine solche hat Paul Hindemith 1960 geschrieben auf einen Text von Thornton Wilder mit dem Titel „The long Christmas Dinner“.

In der Frankfurter Musikhochschule hat man an Hindemiths Geburtstags vor mittlerweile 123 Jahren diese späte Oper aufgeführt und dazu das Auditorium des Großen Saals zur Spielfläche gemacht. Als Bühne ein kreisrundes Podest, die Musiker des Orchesters darum gruppiert. Das Publikum auf dem Orchesterpodium.

Regisseur Jan-Richard Kehl hat mit dieser Anordnung das Modell des frontal auf der Bühne stehenden langen Tischs aufgegeben, wo linker Hand jeweils die neu ins Leben des Weihnachtsessens Eintretenden Platz nehmen und rechter Hand die aus ihm Abtretenden verschwinden. Der „Jedermann“-Topos der Lebenslaufstafel ist hier ein viertelkreis-förmiges Tischsegment, das auf dem Podest wie von Geisterhand seine Bahn zieht, gleich einer Essmöbel-Uhr. Dazwischen die Generationen derer, die nur Gast auf Erden sind in ihrem Kommen und Gehen. Das Ganze ist bei Hindemith ernst, ja todernst und durchaus passend zu den anderen Werken seiner letzten Jahre, wo das Abstandnehmen, religiöse Besinnung und serene Beruhigung dominieren.

Die unausweichliche Lebenspassage ist in Frankfurt ein Rad von Geburt und Wiedergeburt, was auch das Vertauschen von Weißhaar-Perücke und Rollstuhl mit jugendlichem Elan in denselben Sängern nahelegt. Dank der räumlichen Öffnung des Spielfelds sind Freiheiten für Abtritte ins sichtbare Umfeld, für Umkostümierungen möglich. Sätze werden auf Zettel geschrieben und demonstrativ hochgehalten: Heimat, Mother, Kälte, Sehnsucht. Der Operntext selber wird auf die Balustradenmauer der Empore projiziert.

Die Fokussierung auf die streng gefasste, Musik, die milde sperrig, sehr subtil und selbst in fülliger Bewegung klar und idiomatisch reich artikuliert, leidet unter dem unstrukturiert wirkenden Aktionismus der Rollenträger. Was der eindrucksvollen Wirkung durch die stimmliche Stärke des Ensembles keinen Abtrag tut. Ein „Zeitgeist“ genannter, zwischen Engel, Geier und Maître de Plaisir schillernder Akteur ist das offensichtlich nicht tot zu kriegende Spielelement von Regie, mit dem man einen belebenden oder Zeigefinger hebenden Beitrag zum Gelingen von Oper meint bieten zu können.

Hervorragend das Niveau des Hochschulorchesters, das der Partitur trotz der schwierigen Klangpositionierung nahe kommt. Großartig gelingt dem Regisseur der Schluss, wo sich das Kollektiv der Abgedankten auf der Empore allmählich versammelt hat und wie aus dem Jenseits eines der Weinheber-Madrigale Hindemiths, „An eine Tote“, singt. Von außen sind dazu die wunderbaren, expressionstischen Glasfenster des Hochschulsaals erleuchtet – dunkelgelb glühend. Dazu öffnen sich die Notausgangstüren in die Kälte der Nacht, blaugraues Licht einlassend. Lange Stille. Eine tiefe Minute.

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt: 19.-21. Dezember.
www.hfmdk-frankfurt.de

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