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Außer Kontrolle.

Burgfestspiele

All die Nackenschläge

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Ray Cooneys überkandidelte Komödie „Außer Kontrolle“ in Bad Vilbel.

Offiziell weilt Staatsminister Richard Willey zu einer wichtigen Parlamentssitzung in London. Doch der seine Pflichten schwänzende Politiker hat anderes vor: Die Nacht in einer großzügigen Suite des Westminster Hotels gedenkt der Lüsterne mit einer Sekretärin aus der Opposition, Jane Worthington (Alice von Lindenau), zu verbringen. Ein längst alltägliches Geschäft – wenn da nicht plötzlich ein scheinbar toter Mann im Zimmerfenster hängen würde.

Die Komödie „Außer Kontrolle“ des britischen Autors Ray Cooney wird gerne und oft gezeigt. Auch bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen war sie schon zu sehen. Dennoch hat Intendant Claus-Günther Kunzmann sie zur Eröffnung der 32. Saison erneut auf das Programm gesetzt. Das Premierenpublikum belohnt den Plan: Wohl selten wurde in der Wasserburg so viel und laut gelacht.

Selten jedoch wurden auch so viele Lügen auf einmal aufgetischt. Denn Willey, den Thomas Dehler mit sonorer Stimme und staatsmännischer Unaufgeregtheit spielt, erfindet ganze Familiengeschichten, um das, was sich vor den Augen des immer ungeduldiger werdenden Hotelmanagers (Thorsten Danner) ereignet, zu erklären. Sein loyaler Sekretär George Pigden (Felix Bold), anfangs etwas schwer von Begriff, aber zunehmend seinen vielen verschiedenen Rollen gewachsen, muss ein ums andere Mal als Retter fungieren.

Es fällt nicht leicht, den Überblick zu bewahren in dem turbulenten Verwirrspiel, in dem betrogene Ehepartner, ein geldgieriger, aber bei Bezahlung durchaus hilfsbereiter Kellner mit Migrationshintergrund (Sebastian Zumpe) und eine nur anfänglich strenge und steife Krankenschwester (Kristine Walter) für neue, schwer zu lösende Knoten sorgen.

Doch am härtesten dürfte es an diesem zweieinhalbstündigen Abend die Leiche getroffen haben. Denn die, dargestellt von Andreas Krämer, wird nicht nur munter herumgeschoben und -geschleppt, sondern hängt in der von Kathrin Kegler überwiegend grün gestalteten Nobelherberge sogar minutenlang sichtbar am Schrank. Überhaupt wird das Ensemble von Regisseurin Adelheid Müther körperlich stark gefordert. Der gehörnte, aggressive, aber dennoch hochsensible Ronnie Worthington (Steffen Weixler) etwa wirft sich, von seinen Emotionen überwältigt, spektakulär auf die Knie und zu Boden. Dass dabei im Ringen mit dem jeweiligen Gegenüber manch Obszönes entsteht, gehört zu den dem Amüsement geschuldeten, üblichen Schlüpfrigkeiten.

Ins Stolpern kommen die Darsteller jedoch nur absichtlich. Die Herausforderungen bewältigen sie mühelos, bleiben spritzig und witzig und spielen sich gekonnt die Bälle zu. Am Ende nehmen der Klamauk und die Albernheiten überhand, doch langweilig wird’s nie. Daran ist nicht zuletzt das kaputte Schiebeelement des Fensters zum Balkon im Hintergrund schuld. Denn zu keinem Zeitpunkt darf man sich sicher sein, ob es oben bleibt oder nicht wieder für einen weiteren Wirbel nach sich ziehenden Nackenschlag sorgt.

Burgfestspiele Bad Vilbel:  Termine bis 2. September.  www.kultur-bad-vilbel.de

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