1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

„Nachverdichtung“ von Rainer Dachselt: Und ein Mord an der Kamille

Erstellt:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Hausbesitzerin, Mieter und Deibel freuen sich. Foto: Andreas Malkmus
Hausbesitzerin, Mieter und Deibel freuen sich. Foto: Andreas Malkmus © Andreas Malkmus

Die Volksbühne nimmt sich mit einem Stück von Rainer Dachselt der „Nachverdichtung“ an.

Wenn scherzen, dann mit Wumms: Der Kabarettist und Autor Rainer Dachselt nimmt sich aktueller Themen und Empfindlichkeiten gern mit kräftigen, aber doch auch lustig klimpernden Worten an. Reime stößt er nicht von der Bettkante, wenn sie sich denn anbieten. Ein Johanniskraut, das sich zu sprechen traut, gibt es etwa im jüngsten, in der Frankfurter Volksbühne uraufgeführten Vier-Personen-Stück „Nachverdichtung. Ein Häuschenkampf“. Denn während Häuschenbesitzerin Marion von einer Praxis am Stadtrand träumt und darum ihr Zuhause in zentraler Frankfurter Lage verkaufen möchte (dann wieder nicht, dann wieder doch), hängt sich ihre Tochter Lara voll rein beim wilden Aussäen und liebevollen Pflegen von Pflanzen im Stadtraum. Aber ein Pflanzenmörder geht um, die Kamille ist bereits tot und statt des Waldmeisters liegt da nur ein Zettel: „Danke für die Bowle“.

Wenn das kein Grund ist, die Nerven zu verlieren. Lara jedenfalls verliert sie beim Guerilla Gardening regelmäßig (Hortensien? Geht’s noch! Da geht doch keine Biene ran). Da haben sie und ihre Mitkämpferinnen leider auch keine Kapazitäten mehr, Marions Häuschen zu besetzen. Schließlich müssen sie Wache schieben wegen des Pflanzenmörders.

Der Makler ist gruselig

Warum sie überhaupt das Haus ihrer Mutter besetzen sollte? Nun, diesmal möchte Marions Freund, Tilman, unbedingt einen „Umschwung der Verhältnisse“ erreichen. Er ist gegen jeden Verkauf, jeden Abriss, schon gar jede Verdichtung. Gleichzeitig träumt er aber von seinem eigenen Theater – und als dann ein (zweifellos windiger, Lara findet ihn „creepy“) Immobilienmakler namens Deibel (!) auftaucht, muss der Kampf um Marions Häuschen (und alles andere) beginnen.

Umzugskisten, ein Baustellenschild, ein hübsches Häuschenmodell hat Carsten Wolff sich für die Volksbühnen-Bühne ausgedacht. Offensiv gemustert, aber die Socken harmonieren farblich: Salima Abardouchs Kostüme. Matthias Faltz führte Regie beim „Häuschenkampf“, hat sich Monty-Python’sche Silly Walks ausgedacht, schon fast eine Choreografie der albernen Gänge, Posen, Pantomimen. Claudia Jacobacci und Detlev Nyga als Marion und Tilman, Melissa Breitenbach und Sebastian Muskalla als Lara und Deibel hängen sich rein, singen, tanzen, hampeln, grimassieren – fast gerät die Zuschauerin auch noch außer Puste.

Und die Handlung wirbelt mit. Tilman möchte seinen Protest gegen Immobilienspekulanten plötzlich als Kunstaktion verstanden wissen. Marion versucht immer wieder, ihr „systemisches Intervenieren nach Brezenheimer“ anzubringen. Und Deibel ist gar kein Makler, gibt aber als solcher sein Bestes – jetzt braucht er nur noch ein passendes Objekt.

Volksbühne Frankfurt: 23., 30. Oktober, 13. November. volksbuehne.net

Auch interessant

Kommentare