feu_dueggelin_080820
+
Werner Düggelin.

Nachruf

Solch ein Theater – jetzt nimmermehr

  • vonPeter Iden
    schließen

Zum Tod des Theaterregisseurs Werner Düggelin.

Als Werner Düggelin, vorgestern verstorben, noch ein Kind war, er hat die Geschichte einmal so erzählt, mochte er nicht glauben, dass nur Jesus habe auf dem Wasser gehen können – wenn er es wirklich wolle, sei es auch ihm möglich. Die Eltern wurden in das strenge Gymnasium zitiert und der Knabe musste die Schule wechseln. Es ist aus dem ungläubig Gläubigen ein Regisseur von Rang und für sechs Jahre, von 1968 an, ein Intendant geworden, der mit einem außerordentlichen Ensemble durch die Intensität der Menschendarstellung das Theater in Basel zu einer stilbildenden Bühne entwickelt hat. Und gleicht etwa nicht das Theaterspielen dem Wunder einer Wirklichkeit, die sich tollkühn behauptet gegen alle, die nur immer sagen: Das geht doch nicht?

In Westdeutschland wurde gegen Ende der sechziger Jahre mit Erbitterung gestritten um die Einschränkung der Rechte der Theaterdirektoren zugunsten einer Mitbestimmung – in Basel gelang Werner Düggelin ein auf Verständigung zwischen den Parteien setzender Gegenentwurf, für den Kritiker Günther Rühle „ein Theater der Liebe“.

Unbändige Theaterlust

Dabei war dieser Düggelin ein unruhiger Geselle. Er hatte sich aus Zürich, wo er sich am Schauspielhaus als Beleuchter-Lehrling betätigte, nach Paris aufgemacht. Geriet dort in die Nähe des zwanzig Jahre älteren Roger Blin, in Frankreich als Regisseur eine Leitfigur des modernen Theaters, der ihn mit Samuel Beckett zusammenbrachte und 1953 an der Uraufführung von „Warten auf Godot“ beteiligte. Es war Gustav Rudolf Sellner, der den jungen Düggelin nach Darmstadt holte, zunächst in die Dramaturgie, ihn aber dann mit einer ersten Regie betraute, Marcel Achards „Voulez-vous jouer avec moi?“ („Darf ich mitspielen?“).

Er durfte. Und machte bis zu seiner Berufung zum Intendanten in Basel als Gast an beinah allen großen Häusern in der BRD viele Erfahrungen, gute und minder gute. Es war jedoch ein Theaterleben lang immer wieder Samuel Beckett, bei dessen Stücken er sich einfand, vor allem bis zuletzt an den Bühnen in Basel wie in Zürich. Von den Regisseuren des deutschsprachigen Theaters war Düggelin derjenige mit dem sichersten Empfinden für die changierenden Strukturen der Sprache der Figuren Becketts, vor fünf Jahren hat er auf der Studio-Bühne im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich mit Imogen Kogge als Winnie in „Glückliche Tage“ noch einmal etwas von der vitalen Dringlichkeit zur Wirkung bringen können, die Becketts Dichtungen zu eigen ist.

Dieser Theatermensch war ein großzügiger Liebhaber – der Welt, des Lebens und, das besonders, der Schauspieler. Als er im November 2001 in Zürich Strindbergs „Unwetter“ inszenierte, mit dem erfahrenen Joachim Bißmeier und der jungen Paula Dombrowski in den Hauptrollen, wurde der am Rande einer Liebe unglaublich vorsichtig facettierte Umgang der beiden miteinander zu wahrhaft einem Glücksmoment der Theaterkunst. Düggelin war überhaupt wohl auch Intendant geworden der Möglichkeit wegen, Aufführungen mit einem Ensemble zu erarbeiten, was ja bedeutet, dessen einzelne Mitglieder in unterschiedlichen Rollen jeweils weiter entwickeln zu können. Und damit durch die Schauspieler das Publikum einer Stadt an die Bühne zu binden. Das gelang in Basel wie später nur noch einmal an der Berliner Schaubühne. Mitglieder des Düggelin-Ensembles wie Hubert Kronlachner, Hilde Ziegler, Rosel Schäfer, Mathias Habich, H. D. Jendreyko, Michael Rittermann wurden stadtbekannte Größen, auf der Straße achtungsvoller gegrüßt als der Bürgermeister.

Von dem Theaterleiter Düggelin hochgeschätzt und ein enger Freund war der durch seine Barlach-Aufführungen bekannt gewordene, frühverstorbene Hans Bauer, den Düggelin aus Darmstadt nach Basel holte. Sie teilten das Unbändige ihrer Theaterlust. „Der Dügg“, wie man den Intendanten vertraulich nannte, war, sagen wir mal: ein sehr ernsthafter Mensch, aber auch von sprunghafter Beweglichkeit, mitunter nicht leicht anzutreffen. Es gibt eine Zeichnung aus dem Jahr 1972 von Jean Tinguely, auch er ein Freund, die den Dügg in allerhand lebensfrohen Situationen anspielt, am Bildrand die Frage: „Dügg, wo bist Du?“ Ich habe ihm oft so nachgefragt. Irgendwann hatte er sich dann meistens auch gemeldet. Jetzt nimmermehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare