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Faust und Gretchen auf Chinesisch.

Maifestspiele Wiesbaden

Ruf mal nach dem Gretchen

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„Faust“ als muntere und ziemlich witzige Peking-Oper bei den Wiesbadener Maifestspielen.

Auch ohne Übertitel wäre man zurechtgekommen. Mephisto, der Schlawiner, Faust, der belesene Tor, Gretchen, die Liebreizende, sind auch auf Asiatisch leicht zu erkennen. Vermutlich ist das Projekt „Faust. A Peking Opera“ ohnehin ein kultureller Kompromiss, ein gewitzter und unterhaltsamer. Eine Deutsche, Anna Peschke, hat Regie geführt. Ein Chinese, Lei Meini, hat den Text geschrieben, der in der Rückübersetzung fast immer durchaus an Goethe erinnert. Es ergeben sich manchmal andere Schwerpunkte – der Kindsmord selbst wird ausführlich behandelt –, vor allem wird das Dramengerüst zurück ins Volksstückhafte geführt. Kein Abend für Grübler.

Dass Italiener beteiligt waren, könnte die beträchtliche Nähe erklären, die sich zwischen chinesischer Figurenführung und der der Commedia dell’arte auftut. Natürlich macht das auch die Maskenhaftigkeit der Gesichter in Verbindung mit wallenden Gefühlen. Die China National Peking Opera Company hat mit der Emilia Romagna Teatro Fondazione kooperiert, das Ergebnis ist jetzt auf einer kleinen Tour, die zum Auftakt für zwei Abende zu den Maifestspielen ans Staatstheater Wiesbaden führte.

Alles soll also transportabel sein. Darum müssen ein paar knallrote Stühle reichen und reichen tadellos. Rechts am Bühnenrand sitzt eine Instrumental-Combo und begleitet die Darsteller auf Schritt und Tritt und mit Humor. Auf der schwarzen Bühne macht die fantastische Kostümierung Mephistos jedermann direkt hellwach. Er ist eine Art Insekten-Teufelchen, an seine Fühler müsste man mal fassen. Darf man aber nicht. Denn es ist klar, dass hier jede Bewegung und jeder Ton sitzt – noch klarer wird es nachher beim ausführlichen Kampf zwischen Faust und Valentin, der sich als einzige Nebenfigur in die Produktion retten konnte. Keine Marthe, schon gar kein Wagner: Faust, Mephisto und Gretchen bleiben unter sich. Es ist übrigens nicht leicht für Chinesen, das Wort Gretchen auszusprechen.

Alles ist gut zu verstehen, wobei man gerührt darüber ist, dass anscheinend auch Chinesen das alles gut verstehen. Und es gibt sogar einen Moment – wenn Gretchens Hinrichtung durch von der Decke baumelnde Stuhl-Teile symbolisiert wird –, in dem das wackere deutsche Stadttheater-Ideenarsenal zu seinem Recht kommt.

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