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Eintreffen der Niederländer: Linn Reusse, Karin Pfammatter, Jimi Blue Ochsenknecht und Bruno Cathomas (v.l.n.r.).

Sommertheater

Wie es nach dem Ende weiterging

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Die Nibelungenfestspiele in Worms liefern diesmal das große, blutige Spektakel „Siegfrieds Erben“ ab.

Tolldreist erzählen Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, wie es nach dem Gemetzel, dem Tod der meisten Protagonisten, Antagonisten und stummen Hundertschaften sowie der Klage der wenigen (etwa 3, drei) Überlebenden weiterging. Bombastisch und mit einem dabei detailreich aufspielenden Ensemble setzt Regisseur Roger Vontobel die Geschichte von „Siegfrieds Erben“ angesichts des Wormser Doms um. Ein so spannendes Spektakel wurde selten (noch nie?) geboten bei den Nibelungenfestspielen, die beharrlich um das ortsansässige Heldenepos kreisen und entsprechend mit Blick auf die Handlung limitiert sind.

Nun aber: Kriemhild hat damals in Worms zwei kleine Kinder aus ihrer Ehe mit Siegfried zurückgelassen, die bei den niederländischen Großeltern, Siegmund und Sieglinde, aufgewachsen sind (Grundkenntnisse von Wagners „Ring“ helfen bei der Orientierung). Auch Brunhild hat einen Sohn, Burkhardt, der davon ausgeht, dass Gunther sein Vater ist. Armer Junge. Etzel hat sieben Tage um sein totes Kind getrauert, nun ist er wieder in Stimmung und zieht mit seinen Leuten nach Worms, um die restlichen Burgunder niederzumachen. In Worms zankt Brunhild mit Sohn und Schwiegermutter, auch als starke Frau ist sie natürlich viel schwächer, als sie einst war, und leidet darunter. Alles in den umliegenden Wäldern zu erjagende Wild hat sie zudem inzwischen aufgegessen. Kurz vor Eintreffen der Hunnen ist noch dazu der niederländische Zweig zu Besuch gekommen und hat den Thron gefordert. Man plänkelt. Etzel plänkelt nicht.

Dabei kann man jetzt einerseits beklagen, dass am Ende eines langen Abends sehr viele Hälse umgedreht worden sind. Das Halsumdrehen ist hier keine saloppe sinnbildliche Wendung. Auch wird ein Mensch – unsere Lippen sind versiegelt, denn in dieser Hinsicht ist „Siegfrieds Erben“ so aufregend wie „24“ – im Handumdrehen (ebenfalls nicht sinnbildlich) in ein Feuer geworfen, um das „Walküre“-Regisseure die Wormser beneiden müssten. Andererseits führen Zaimoglu, Senkel und auch Vontobel mit ihrem rabiaten und Kunstblut-Schweiß-und-Schlamm-getränkten Vorgehen schon etwas im Schilde. Die Ankunft erst der Niederländer, dann der Hunnen hier in Worms mischt das Gruppengefüge jeweils auf, man tastet sich ab, man unterwirft sich mehr oder weniger schnell, die einen riskieren eine kesse Lippe, die anderen nicht. Da Unterwerfung im höfischen Bereich mit Zeremoniell verbunden ist, kann man sie unmittelbar sehen. Es gibt Ähnlichkeiten zu Vorgängen unter Tieren, was für Menschen immer eine Enttäuschung ist.

Wichtiger noch: Gewalt macht gefügig und erzeugt weitere Gewalt, und das ist kein Widerspruch, sondern die Substanz aggressiven politischen und militärischen Vorgehens.

Die Psychologie: einigermaßen nachvollziehbar, aber nicht der Mittelpunkt des Geschehens. Die Sprache: sattsam, teils lässig, teils archaisch bis ins Raunende. Sorgfältig wurde sie auf die jeweils Sprechenden abgestimmt. Die Umsetzung: opulent und doch attraktiv für das Ensemble, das wie immer im Sommertheater forsch zusammengesetzt ist.

Man sieht Jürgen Prochnow als markig und bald schon brodelnd trauernden Etzel und die wunderbare österreichische Schauspielerin Ursula Strauss als knallrothaarige, bodenständige, verärgerte Brunhild. Max Mayer spielt den Gunther-oder-Siegfried-Sohn Burkhardt zwar, wie er alle Rollen spielt – schlenkerig, übernervös, irrend, staunend, seltsam –, aber es ist wieder großartig und auch eine originelle Besetzungsidee. Ausgerechnet Burkhardt ist ja der einzige, der aus der Vergangenheit etwas gelernt zu haben scheint. Zum Beispiel – sein fades Leben, erklärt er selbst, zwang ihn dazu – benutzt er sein Gehirn zum Denken. Ein Coup, hier trotzdem keinen bleichen Hamlet zu sehen, sondern einen auch in dieser Situation total losgelassenen Max Mayer. Einfacher fügt sich Jimi Blue Ochsenknecht in die Rolle von Gunther junior ein (Kriemhilds und Siegfrieds ungezogenem und nichtsnutzigem Sohn). Dass Linn Reusse als dessen Schwester Swanhild trotz einer rasanten Rolle recht harmlos wirkt, hat ebenfalls Charme und Plausibilität. Auch die kregel mitmischende Elterngeneration hat übrigens nichts gelernt. Das kommt einem alles schon unangenehm vertraut vor.

Nina von Mechows aufwendige Kostüme verschwinden bald hinter Farbe und Matsch, Palle Steen Christensens Bühne macht sich die Domfassade schöner zunutze, als man zunächst ahnt. In einer spektakulären Überblendung (Video: Clemens Walter) scheint das riesige Gebäude selbst gegen das Morden aufzubegehren oder von Geistern heimgesucht zu werden oder beides. Es zuckt und wabert, dann brechen schreiende Gesichter aus dem Gestein hervor. Das Publikum ist wie erstarrt vor Schreck, Grusel und Neugier. Dann Szenenapplaus. Das ist Kintopp. Die Musik Keith O’Briens und Matthias Herrmanns rückt stimmungsvoll und befremdlich den Kehlkopfsänger Enkhjargal Dandarvaanchig ins Zentrum.

Mehr Spannung kann Sommertheater nicht hinbekommen, mehr Buhei nicht böser und ernster grundieren und einen über Lautsprecher gewöhnungsbedürftig über die Zuschauertribüne eiernden Text nicht eindrucksvoller zur Geltung bringen.

Nibelungenfestspiele Worms:  bis 5. August.  www.nibelungenfestspiele.de

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