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In aufrichtiger Empörung:   Jürgen Holtz, Mitte, und seine degradierten Mitspieler.
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In aufrichtiger Empörung: Jürgen Holtz, Mitte, und seine degradierten Mitspieler.

Peymann Bernhard

Es muss gespielt werden!

Claus Peymann bringt am Berliner Ensemble Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ heraus.

Von Dirk Pilz

Er thront in der Mitte, natürlich. Das Cello zwischen den Knien, den Bogen in der Hand.

Den Bogen wird er oft brauchen, zum Wedeln, Schlagen, Herumkommandieren. Er wird auch einzelne, lose Töne auf dem Cello spielen. Aber zur Musik kommt es nicht, zur Kunst schon gar nicht. Nichts gelingt, nichts ist je gelungen. Und niemand weiß es so gnadenlos genau wie dieser Herr am Cello.

Das ist die Pointe dieses Abends, und dafür lohnt er: Claus Peymann lässt Thomas Bernhards Dreiakter „Die Macht der Gewohnheit“ an seinem Berliner Ensemble spielen, und es ist ein Abend über Scheitern, das Altern, die Vergänglichkeit. Es ist eine Vergeblichkeitskomödie, in ihren besten Momenten voll zarter Melancholie und leiser Wut.

Vor 41 Jahren wurde dieses Bernhard-Werk, seine erste Komödie, uraufgeführt, damals ausnahmsweise nicht in der Regie von Claus Peymann. Er hatte im Mai 1974 schon Bernhards „Jagdgesellschaft“ am Wiener Burgtheater herausgebracht. Im Sommer bei den Salzburger Festspielen durfte Dieter Dorn uraufführen, mit Bernhard Minetti als Herrn am Cello.

„Die Macht der Gewohnheit“ handelt von der Unerforschlichkeit der Kunst, ja. Vor allem aber von den umso mehr unergründlichen Menschen, die Künstler sein wollen, also von jener seltsamen Macht, die dem Reich der Ästhetik eigen ist, mit der sie ihre Bewohner zu Dienern, Knechten, Unterworfenen zu wandeln vermag. Im Zentrum dieses Stückes herrscht ein cellospielenden Zirkusdirektor, Caribaldi, der seit über 22 Jahren das „Forellenquintett“ von Franz Schubert übt. Zu seinem Leidwesen kein Solostück. Er braucht Mitspieler, es sind der Dompteur, der Spaßmacher, der Jongleur, die junge Enkelin. Einmal wenigstens, nur ein einziges Mal, will er dieses Quintett aufführen, in der Manege, nach der Zirkusvorstellung. Einmal „perfekte Musik“, das ist sein Traum, seine Obsession.

Es kommt nicht dazu. Es kommt immer etwas dazwischen, und immer ist es – das Leben. Der Dompteur ist besoffen, dem Spaßmacher rutscht die Haube vom Kopf, die Enkelin bohrt in der Nase. Das Leben stört die Kunst. Der Zirkusdirektor dient nicht der Musik, er rebelliert wider das Leben. Das ist Bernhards garstige Wahrheit, die bis heute ihre provokative Kraft bewahrt hat. Am Ende des ersten Aktes verkündet Caribaldi: „Ein Dummkopf der heute noch einem Künstler glaubt ein Dummkopf“.

Das steht bei Peymann zu Beginn auf dem schwarzen Vorhang. Aber der Satz führt in die Irre. Die Kunst als Hort einer Wahrheit, die geglaubt werden will, ist nicht das Thema dieser Veranstaltung. Peymann hat das Leben, das Altern, die alltäglichen Misslichkeiten als Kunstverhinderungsinstanzen inszeniert, genauer: Er hat Jürgen Holtz machen lassen.

Der 82-jährige Holtz als Caribaldi ist der eigentliche Regisseur, der Schöpfer dieses Abends. Sein Zirkusdirektor ist ein Zorn- und Schimpfmeister, ohne in schierer Garstigkeit zu versinken. Ein Mensch aus Selbst- und Weltverachtung, ohne seine Wut in bloßer Eitelkeit zu ersäufen. Er spricht jeden Satz in aufrichtiger Empörung über die Kunstunfähigkeit seiner Mitspieler, die Kunstfeindschaft seiner Umwelt – und weiß mit jeder Silbe um die Lächerlichkeit seines Tuns.

Im ersten Akt wirkt es noch, als sei diese Kippligkeit, das Zerfurchte, Zerknitterte seiner Figur allzu realistisch, fast naturalistisch, seltsam berührend selbstbezüglich, im dritten erwächst daraus aber die hohe Schule einer Schauspielseiltänzerei, die das Eigene zum Exemplarischen wendet. Die Sätze klingen, als wären sie hauchdünne Fäden über Abgründen, als hänge an ihnen die übergroße Last des Daseins. „Morgen Augsburg“ ruft Holtz, und es ist, als wüssten die Worte nicht, ob es Anlass zur Hoffnung oder Verzweiflung ist.

Jürgen Holtz als Caribaldi: weder bloßer Despot noch böswilliger Irrer, sondern ein wirklichkeitssatter Mensch, verheddert im Gestrüpp aus Anspruch und Wirklichkeit. „Wir wollen das Leben nicht aber es muss gelebt werden. Wir hassen das Forellenquintett aber es muss gespielt werden“, sagt er. Es klingt nach Trotz und Beichte gleichermaßen.

Holtz: ein Ereignis, auch weil er sich um die Theatertatsachen um ihn herum nicht schert. Nicht um seine Mitspieler, die von Peymann zu knallchargenden Rollenvollstreckern degradiert werden, nicht um eine Bühne von Karl-Ernst Herrmann (hellgelbe Schräge, im Hintergrund ein Bergpanorama, im Himmel eine Stromleitung), die eine Zirkuswelt vorgaukelt. Der Jongleur bläst überdeutlich Staub aus den Notenblättern, der Dompteur beißt demonstrativ in eine Wurst, am Ende lässt es Peymann gar theaterdonnern: lauter alberne Veräußerlichungen, Szenenauspinseleien, die Jürgen Holtz zu ignorieren versteht, um seiner Figur eine brüchige Würde zu schenken. Vielen Dank.

Berliner Ensemble: 21., 28. März, 10., 17. April. www.berliner-ensemble.de

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