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Musiktheater: Protest, Besinnung und Hingabe

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Von: Bernhard Uske

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Alexandra Samouilidou, Maren Schwier, Florian Kueppers, Marie Christine Haase. Foto: Andreas Etter
Alexandra Samouilidou, Maren Schwier, Florian Kueppers, Marie Christine Haase. © Andreas Etter

Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ in einer exzellenten Darbietung in Mainz. Von Bernhard Uske

Es ist ein Wagnis Luigi Nonos „Al gran sole carico d’amore“ knapp fünfzig Jahre nach seiner Entstehung wieder zu inszenieren. Jene „szenische Aktion“ um Arbeiterkampf und -befreiung, die in Mailand uraufgeführt wurde und drei Jahre später ihre deutsche Erstaufführung in Frankfurt erlebte. Ein bedeutendes Werk des Musiktheaters, das vielleicht wie kein zweites im Laufe der Zeit veraltet ist. Nicht nur wegen der untergegangenen kommunistischen Arbeiterparadiese, die sich als bluttriefende Heterotopien erwiesen. Sie haben dem was Adorno „roten Plüsch“ nannte ebenso zugesetzt wie Nonos Entwicklung selber, der sich bald nach dieser szenischen Aktion von der exoterischen Glückserwartung abwandte und einer esoterisch-messianischen zuwandte. Sein Heil bei Benjamin, Hölderlin und Heidegger sowie in der einzelnen Tonschwingung als der letzthinnigen Erlösungsspur suchend.

1975 aber ging es noch um kämpferisches Eingedenken und Einfordern in einer Mixtur aus oratorischer Strenge und einzelnen, verdeutlichenden sowie verbildlichenden Szenen unter der musikalischen Leitung von Claudio Abbado. In Frankfurt inszenierte Jürgen Flimm mit viel Theaterdonner. Hier dirigierte Michael Gielen.

Im Staatstheater Mainz stand jetzt Hermann Bäumer am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters und dirigierte die vielschichtig vor allem aus Vokal-Exklamationen, Schlagzeug-Interjektionen, elektronischen Zuspielungen sowie Orchesterbeiträgen bestehende Musik, die sich Nono als Einheit ohne die „recht äußerliche Technik der Collage ..., die heute so sehr Mode ist“ und „sich aus einem Konsumverhalten ergibt“ wünschte.

In Mainz gelang die klangplastische Totalität vorzüglich, die für den exoterischen wie esoterischen Nono gleichermaßen gegolten hat. Vokalität, die sich in der elektro-akustischen Wolke und den orchestralen Bewegungen entfaltet und sowohl raumfüllend als auch Raum erfüllend wird – die nachdrücklichste Erfahrung dieses knapp zweieinhalbstündigen Abends.

Zum Klangerlebnis trug bei, dass das gesamte Parkett des Großen Hauses unbesetzt war und allein dem Schlagzeug Raum gab. Teile des Orchesters hatten Platz gefunden auf der weit hochgefahrenen Hinterbühne und das Orchester saß fast ebenerdig. Zu seiner Seite ebenfalls Musiker. So war man im ersten und zweiten Rang nahezu panoptisch der mal schwebenden, mal gärenden und ausbrechenden Klangwelt Nonos integriert.

Auch in „Al gran sole carico damore“ ist der Vokalklang Quellgrund einer Art Nonoschen Sonosophie, die sich den Wendungen des Meisters zum Trotz durchgehalten hat. Mit ihr steht oder fällt jeder Erfolg einer Aufführung. Ein Frauenstimmen-Quartett trägt in „Al gran sole ...“ mit Kommentar, Anrufung, Protest, Besinnung und Hingabe letztlich das gesamte Konstrukt der Partitur. Und dieses Fundament war in Mainz wunderbar. Die sphärischen und seraphischen, in höchster Lage schwebenden und stehenden Vokalisen wurden von Marie-Christine Haase, Alexandra Samouilidou, Maren Schwier und Linda Sommerhage im Verein mit den ihnen zufallenden szenischen Aufgaben herrlich bewältigt. Keiner der Neue Musik-Komponisten hat die weibliche Stimme so stark fokussiert wie Nono, Und auch das Libretto kreist, vor allem im ersten Teil, um zentrale Frauenfiguren der Geschichte der Pariser Commune. Im zweiten sind es die Mutter, wie sie Maxim Gorki exponiert hat, und andere Frauenfiguren der dann italienischen Streikbewegungen der nahen Vergangenheit. Sowie diverse Slogans und Ankündigungen aus dem Wortschatz der kommunistischen Internationale mit ihrem Gebräu geschwollener Verheißungsparteilichkeit. Überein kam Nonos Musik und die Textvorlage immer da, wo statt Parolenblech subjekthafte Erfahrung dem Vokalklang korrespondierte – namentlich bei den Texten von Cesare Pavese oder Arthur Rimbaud.

Im ersten Teil hatte die Inszenierung von Elisabeth Stöppler starke, auch gerechtfertigt ironische und verfremdende Momente. Durchgängig trefflich war das Bühnenbild (Hermann Feuchter). Die Kostüme (Nicole von Graevenitz) waren gut den Vorgaben der Regie angepasst. Die ließ im zweiten Teil an Spannkraft nach und suchte ihr Heil in einem bunten, manchmal klamaukig wirkenden Allerlei nivellierter Mittelständigkeit mit zeitgeistgerechten Befangenheiten samt hakenkreuzverzierter Fehlgeleiteter, die auch noch zur richtig kämpfenden Aktivistin bekehrt wird.

Der Chor, bestehend aus dem Mainzer Opernchor und „Les Métaboles“ Paris, und auf seine Weise von Nono ebenso gefordert wie die Solistinnen, war exzellent. Ebenso alle anderen solistischen Rollen.

Staatstheater Mainz: 1., 8., 10. April. ww.staatstheater-mainz.com

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