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Jetz, Herz, geh uff! Szene mit Michael Quast, Mitte.

Volksbühne Frankfurt

Bretche mit Umständ

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„Jetzt, Herz, geh uff!“: Ein Hardcore-Mundartabend der Volksbühne im Großen Hirschgraben.

Die acht hereintröpfelnden Damen und Herren – acht mit dem (angeblichen) Mann von der Feuerwehr, der mitmachen muss, ob er will oder nicht – möchten einen Verein gründen und eine Resolution verabschieden, Motto „Freiheit for Mundart“. Als erstes und zwecks Einstimmung singen sie „Mein Frankfurt“ von Adolf Stoltze, was sonst. Dann müssen sie dem Chef, der doch sehr aussieht wie Michael Quast, beweisen, dass sie es draufhaben, das Mundart-Babbeln. Mit Texten von Balser Breimund, Carl Malss, Maximilian Leopold Langenschwarz, Wolfgang Deichsel, nochmal Stoltze und Kurt Sigel. Als Lesung mit Rahmenhandlung entpuppt sich also der neue Abend der frisch in den Großen Hirschgraben gezogenen Volksbühnen-Truppe um Quast; ein kleiner Etikettenschwindel, denn angekündigt ist er als „Lokalposse“.

Und wo man bei den Volksbühnen-Stückaufführungen auf ein sehr gemäßigtes Hessisch hoffen darf, besonders als Eigeplackte, ist das zweistündige „Jetzt, Herz, geh uff!“-Programm Hardcore. Sogar die veraltete Mundart in Breimunds 1821 erschienenem „Laustspeul“ mit dem Titel „Die Sachsenhäuser oder Kätchens Hauchzeit“ wird mit Lust und wilder Entschlossenheit wiedergegeben, jedes „Loibe“ (für Liebe) und „scheißt“ (für schießt). Die Eigeplackte schätzt, dass sie an diesem Abend ein Drittel Text nicht versteht oder mehr errät, als versteht. Den Einheimischen scheint es allerdings kaum anders zu gehen.

Durchaus versucht die muntere Truppe, die Dinge mit Grimassen und Lautmalereien plastisch zu machen. Auch mit Textheft und imaginärer Bratworscht in der Hand geht es herzhaft zu. Ein Hund heult gar herzerweichend, Kanonenkugeln fliegen, sogar ein veritabler Geist wird erwartet in Deichsels „Pit soll leben“. Schimpfwörter fliegen durch die Luft, da reicht der Klang, um daran Spaß zu haben. Man lernt, weil Quast es vorab erklärt, dass Babelé (oder so ähnlich) vom französischen Parapluie, Regenschirm kommt, dass ein „Bretche mit Umständ“ ein belegtes Brot ist, dass „vom grüne Käs“ (wenn das die Eigeplackte richtig verstanden hat) so etwas wie „jetzt geht’s los“ bedeutet.

Das ist schon was. Aber weil man sich doch sehr konzentrieren muss, hat man kaum noch Kapazitäten, es lustig zu finden. Dazu möchte man an diesem Abend über Zuwanderer-Scherze und den deftigen Vortrag der Fraa Mayern (alias Quast) zur „Schlacht bei Hanau“ eigentlich sowieso nicht lachen.

Volksbühneim Großen Hirschgraben, Frankfurt: 23., 29. Februar, 1., 15. März. www.volksbuehne.net

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