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Mousonturm-Leitungsduo Anna Wagner und Marcus Droß: „Die Zeit des permanenten Wachstums ist vorbei“

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Von: Sylvia Staude

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Anna Wagner und Marcus Droß. „Wo zwei hinpassen, entsteht eine andere Dynamik und Elastizität“, sagt Droß. Foto: Monika Müller
Anna Wagner und Marcus Droß. „Wo zwei hinpassen, entsteht eine andere Dynamik und Elastizität“, sagt Droß. Foto: Monika Müller © Monika Müller

Marcus Droß und Anna Wagner, die nun gemeinsam den Mousonturm leiten, über eine Doppelspitze als Tandem, die Auswirkungen der Pandemie und die größten Herausforderungen.

Frau Wagner, Herr Droß, haben Sie, als Sie die Zusage für eine Doppelspitze bekamen, erstmal die Zuständigkeiten aufgeteilt?

Marcus Droß: Vielleicht macht es Sinn, den Mousonturm kurz zu beschreiben. Wir sind eine Art internationales Dreispartenhaus, in dem es Theater, Tanz und Musik zu sehen gibt. Wir haben kein eigenes Ensemble. Damit unser vielstimmiges Programm überhaupt möglich wird, arbeiten wir eng mit herausragenden Künstler:innen zusammen, die unabhängig produzieren. In Frankfurt, im deutschsprachigen Raum und weltweit. Jedes Projekt ist einmalig und mit besonderen planerischen Anforderungen verbunden. Ein einsamer Intendant oder zwei Intendant:innen können das nicht realisieren. Das funktioniert nur, weil sich im gesamten Team am Mousonturm Kenntnisse und Erfahrungen von vielen Expert:innen versammeln. Es geht also nicht nur darum, wie wir beide uns organisieren, sondern wie unsere Arbeit im Netzwerk des Teams und unserer Partner funktioniert. In dieser Saison veranstalten wir gleich zwei phantastische Großprojekte, „Politik im freien Theater“ und „Theater der Welt“. Wir freuen uns sehr, dass sich die Kulturpolitik in Frankfurt dafür entschieden hat, uns genau jetzt die Verantwortung für das Künstler:innenhaus zu übertragen.

Anna Wagner: Es ist toll, unsere Arbeit in Frankfurt fortsetzen zu können. Bereits unter unserem Vorgänger Matthias Pees haben wir beide als Dramaturg:innen mit viel Liebe bestimmte Themen und Bereiche vorangetrieben, die Stärkung des Tanzes in der Region, die Öffnung des Programms für Kinder und Jugendliche, die Aktivitäten in Offenbach und eben auch die Konzeption der großen regionalen und internationalen Kooperationsprojekte. Als Matthias Pees bekannt gab, dass er nach Berlin geht, standen wir plötzlich da und dachten: Wir sind hier noch nicht fertig. Also haben wir uns dafür stark gemacht, das Prinzip der Zusammenarbeit, aber auch der Mehrstimmigkeit auf der Leitungsebene des Mousonturms zu etablieren. Da eine Doppelintendanz für die Stadt ein neues Modell ist, kamen viele Frage: Wie wollen Sie das denn machen, wer übernimmt die Verantwortung? Was machen Sie denn, wenn es Streit gibt? Was machen Ihre Mitarbeiter:innen, wenn Sie sich nicht einig werden? Für uns war klar, dass wir die Verantwortung finanziell als auch künstlerisch wirklich gemeinsam tragen wollen.

Und erstmal keine feste Aufteilung?

Wagner: Im Management würde man das „shared leadership“ nennen, dass man die Verantwortung gemeinsam trägt. Auf operativer Ebene haben wir Fokusbereiche untereinander aufgeteilt. Die bedeuten, dass wir beide nicht immer alles im Blick haben müssen, Bereiche, die wir verfolgen und vorantreiben. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre alleine hier … Man beginnt ja so eine Position extrem ambitioniert und beginnt an vielen Ecken zu arbeiten. Das wäre allein fürchterlich. Ich habe großen Respekt vor einer Einzelleitung. Das ist ein ziemlicher Druck, der kann bestimmt auch sehr einsam machen. Wir sind aber zu zweit. Oder sogar noch mehr. Weil wir als Kolleg:innen in die Position gekommen sind, sind wir eingebettet in Netzwerke. In viele unserer Überlegungen haben wir zum Beispiel Martina Lansky einbezogen. Sie ist schon lange am Haus und verfügt als Verwaltungsleiterin und Prokuristin über Expertisen, die wir und das Haus brauchen. Wir und unsere Kolleg:innen schätzen uns und wissen auch, wie man sich streiten kann. Das ist nicht nur Kuschelei hier.

Ist es auch angenehm, Verantwortung abgeben zu können?

Droß: Vor allem ist es wichtig, ständig die Arbeitsbereiche im Auge zu haben, die gemeinsam und kooperativ gestaltet werden müssen, eben weil wir darauf angewiesen sind, unterschiedlichste Erfahrungen und Kompetenzen zusammenzuführen. Als Geschäftsführung haben wir die Aufgabe und Pflicht, solche Arbeitsprozesse zu ermöglichen und zuletzt alles, was hier passiert, auch zu verantworten und nach außen zu vermitteln. Aber bis es soweit kommt, habe ich es mit viel Gestaltungsspielraum auf allen Ebenen zu tun. Sobald statt einer einsamen Spitze ein Plateau eingerichtet ist, wo schon mal zwei hinpassen, entsteht eine ganz andere Dynamik und Elastizität. Oder, wie Anna sagt, mehr kritischer Dialog. Ich muss nicht von Anfang an alles wissen oder schon zu Ende gedacht haben, ich kann mehr Fragen formulieren an die Expert:innen in unserem Team.

Wagner: Stadttheater sind ja auch voll von Expert:innen, aber die arbeiten sehr arbeitsteilig, weil sie in viel kleineren Einheiten in einem größeren und komplexeren Organismus eingebettet sind, die meisten Arbeitsschritte folgen vorab festgelegten Routinen. Gerade bereiten wir zum Beispiel im Bockenheimer Depot mit dem Schauspiel die Uraufführung „Yo Bro“ von Joana und Aljoscha Tischkau vor. Ich bin fasziniert von den Expertisen der Kolleg:innen dort, von der Liebe, die Angehörige verschiedener Gewerke und Abteilungen in alle Details stecken. Bei uns geht es um viel schnellere, agilere Strukturen. Wir müssen uns nicht nur auf alle Künstler:innen, sondern immer auch auf ihre speziellen Produktionsweisen einstellen. Marcus Droß und ich begreifen uns auch nicht als Doppelspitze, vielmehr als Tandem. Das Coole am Tandem ist ja, dass man auch mal den anderen treten lassen kann. Wenn man müde ist oder was ins Auge bekommen hat oder nachdenken muss. Wir haben das vor ein paar Monaten mal gemacht: Als wir berufen worden sind, sind wir mit dem Tandem von hier nach Wiesbaden geradelt. Man muss sich verständigen, einen Rhythmus finden, sich auch vertrauen.

Was ist denn in Ihren Augen die größte Baustelle zur Zeit?

Droß: Über allem schwebt die Frage: Welche Rolle spielen oder übernehmen Kulturinstitutionen angesichts der aktuellen Zerreißprobe, in der unser gesellschaftlicher Zusammenhalt steckt – sei es hier in Frankfurt oder auf globaler Ebene? Am Mousonturm wachsen konkret seit Beginn der Pandemie Achtsamkeit, Verantwortungsgefühl und Engagement für jene, die in unseren Netzwerken arbeiten, die eng mit uns verbunden sind, aber nicht permanent auf der Gehaltsliste stehen, freie Künstler:innen, Produzent:innen, Techniker:innen, Gruppen und Kollektive. Eine weitere zentrale Dimension betrifft das Bündnis internationaler Produktionshäuser. Wir sind in ihm die südlichste Basis innerhalb von Deutschland. Das Bündnis verbindet uns mit Theatern wie Kampnagel in Hamburg, dem HAU/Hebbel am Ufer in Berlin oder dem Festspielhaus Hellerau in Dresden. Für die internationale Zusammenarbeit des Mousonturms ist das Bündnis und seine Förderung durch den Bund von fundamentaler Bedeutung. Und gerade laufen im Bundestag die Haushaltsverhandlungen. Das Dritte sind die Veränderungen im Team. Wir haben ja zwei Positionen im Programmbereich freigemacht, die wir mit Alexandra Hennig und Ismail Fayed neu besetzen und die sich derzeit einarbeiten.

Wagner: Das Programmmachen ist natürlich eine Baustelle. Mit vielen Künstler:innen arbeiten wir zwar weiter, aber dadurch, dass wir zwei Jahre kaum reisen konnten, konnten wir viele Projekte im internationalen Kontext gar nicht anbahnen. Jetzt geht es wieder los und wir entwickeln gemeinsam neuen Planungsmut. Gleichzeitig etablieren wir andere Formen von Öffnung, von Gastlichkeit. Wir wollen mehr soziale Begegnungen in den künstlerischen Prozessen, vor allem im Musikbereich. Und das gilt es nach außen zu kommunizieren. Uns ist unser Stammpublikum sehr wichtig, aber es ist großartig, wenn neue neugierige Zuschauer:innen dazu kommen.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie?

Wagner: Wir wissen, das Geld wird weniger und die Kosten steigen krass. Das erleben wir in Bezug auf Reisekosten, die haben sich verdoppelt, die Kosten für Technik, Material, Unterbringung, alle sind gestiegen. Das müssen wir bei der Gestaltung von Programm und Projekten balancieren, wenn das nicht zu Lasten der Honorare oder unseres Fürsorgeengagements gehen soll. Von den selbstständigen Techniker:innen, die nicht in die wirtschaftlichen Corona-Hilfen eingeschlossen waren, sind viele weggegangen oder haben den Beruf gewechselt.

Zur Person

Anna Wagner studierte Theaterwissenschaft in Berlin und Paris, arbeitete als Assistenzkuratorin für Tanz am Hebbel am Ufer/HAU in Berlin und war für die Tanzsparte am Theater Freiburg verantwortlich, ehe sie Matthias Pees als Dramaturgin an den Mousonturm holte.

Marcus Droß studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, arbeitete als freier Künstler, Regisseur, Mentor für Musik- und Performance-Projekte. Matthias Pees holte auch ihn als Dramaturg ans Künstler*innenhaus.

Droß und Wagner haben sich nach Pees’ Weggang gemeinsam beworben und haben seit dem 1. September die Intendanz und Geschäftsführung des Frankfurter Mousonturms inne.

Und lassen sich nicht zurückholen?

Wagner: Ich würde sagen, 40 Prozent der freiberuflichen Technik-Kolleg:innen sind aus dem Beruf raus.

Unter Matthias Pees hatte man den Eindruck, dass immer mehr produziert wurde, immer mehr. Wollen Sie diese Fülle erhalten?

Droß: Unsere Arbeit mit Matthias Pees war geprägt vom steten Wachstum an Drittmitteln, die immer mehr Programm ermöglicht haben. Wir werden in dem Bereich der Mittelakquise nicht lockerlassen. Denn auch jenseits all der finanziellen Herausforderungen ist die Idee der Fülle eine wichtige. Dass eine Verdichtung geschaffen wird, die den Mousonturm zu einem lebendigen Knotenpunkt macht. Erst wenn verschiedene Ereignisse gleichzeitig stattfinden und sich überlagern, entstehen neue Konstellationen. Die andere Frage ist, was wir dem leidenschaftlich interessierten Publikum an Pfaden anbieten, so dass es nicht vom Angebot erschlagen wird.

Wagner: Es ist auch ein Auftrag, dass wir diesen Raum, dieses Haus öffnen, nutzen, zur Verfügung stellen. Das Anliegen haben wir mit Matthias Pees geteilt. Wir denken jedoch viel stärker in Wiederholungen und Kontinuitäten. Dass es Serien von Veranstaltungen gibt und Verbindungslinien im Programm sichtbar werden. Um kein Missverständnis zu produzieren: Ich glaube, die Zeit des permanenten Wachstums ist vorbei. Man braucht Ruhephasen nach intensiven Projekten. Und um nochmal auf die Doppelspitze zurückzukommen: Wenn zwei leiten, macht das noch kein gutes Theater aus. Es ist für uns auch eine Aufgabe zu evaluieren. Und zu fragen, wie produzieren wir eigentlich? Es gibt auch viele internationale Künstler:innen, insbesondere im globalen Süden, die unsere Praxis der Zusammenarbeit durch die Erfahrung der Pandemie infrage stellen. Die sich fragen, ob sie noch die ganze Zeit durch die Welt reisen wollen, ob es andere Formen der Kooperation gibt. Andere haben bisher noch nie die Gelegenheit gehabt, durch die Welt zu reisen.

Auch das beschäftigt Sie vermutlich derzeit sehr, man kann ja nicht, um nachhaltig zu sein, alles nur virtuell zeigen. Ist das eine Art Spagat für dieses internationale Haus?

Wagner: Die freien Künste waren immer unterfinanziert. Tarifausgleiche werden am Mousonturm nicht über eine Erhöhung der öffentlichen Förderung finanziert. Das Geld hierfür kommt aus dem künstlerischen Etat und der wird immer geringer. Das ist eine Katastrophe. Denn wir sind ein Haus, das mit freien Künstler:innen arbeitet, wir haben kein festes Ensemble. Wenn wir nicht mit freien Künstler:innen koproduzieren können, findet nicht mehr viel statt. Dann können wir jonglieren, oder der Kollege fährt Einrad. Aber das ist ja nicht unser Auftrag. Wir wissen, dass die Kulturpolitik dafür kämpft, dass dieses Szenario nicht eintritt.

Haben Sie beide einen unterschiedlichen Geschmack, was Theater betrifft?

Wagner: Ich glaube, wir können uns gegenseitig gut überzeugen.

Droß: Wir haben dieselbe dramaturgische Leidenschaft. Wir können darüber die Geschmacksfrage hintanstellen. Dass man erstmal nach dem sucht, was eine Theaterproduktion besonders, herausfordernd und eigensinnig macht. Da spielt die Frage, ob und warum mir das persönlich gefällt, ganz lange keine Rolle.

Wagner: Es ist gut, seinen Geschmack immer zu hinterfragen. Dramaturgie begreife ich als Empathiearbeit. Ich denke mich in die Künstler:innen und das Publikum rein, ich beobachte Prozesse. Und das ist das Aufregende. Ich habe andererseits lange als Produktionsleiterin gearbeitet, da gab es immer diese Personalverantwortung, finanzielle Verantwortung, und es ist toll, das jetzt auszuweiten. Und großartig, dass es in einem Umfeld passiert, wo wir die Menschen schon kennen. Aber vielleicht sehe ich das in einem Jahr anders (lacht).

Interview: Sylvia Staude

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