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Mousonturm Frankfurt: Ein Theater als „Dauerbaustelle“.

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Von: Sylvia Staude

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Anna Wagner und Marcus Droß, die Intendanz und Geschäftsführung am Künstler*innenhaus Mousonturm.
Anna Wagner und Marcus Droß, die Intendanz und Geschäftsführung am Künstler*innenhaus Mousonturm. © Monika Müller

Anna Wagner und Marcus Droß beginnen ihre Intendanz am Frankfurter Mousonturm

Beobachten, anstiften, verdichten, Barrieren abbauen, Sensibilität aufbauen. Zugänge schaffen. Randständiges integrieren. Manchmal auch Konflikte anstoßen, diese wiederum selbst aushalten. Anna Wagner und Marcus Droß, unter Intendant Matthias Pees seit Jahren am Mousonturm, werden das Frankfurter Haus vom 1. September an in gemeinsamer Intendanz und Geschäftsführung leiten, und haben einerseits nicht unbedingt andere Ziele als ihre Kollegen an den großen Häusern, wollen andererseits ein „Theater der Gegenwart“ als „Dauerbaustelle“ (Droß).

Prall gefüllt wie bei Intendant Pees, der zu den Berliner Festspielen wechselt, wird das Programm des Frankfurter Hauses wohl bleiben: hier noch ein kleines Festival, dort noch ein Workshop, hier eine neue Konzert- und Partyreihe, dort wieder mal eine Tanzplattform, außerdem geht man natürlich in die Stadt, kooperiert sowohl im nahen Umkreis als auch international. Den großen Aufschlag zum Start macht das Fresh Fruits Movement vier Tage lang mit Battles in den Disziplinen Hip-Hop, House und Popping, von überall her werden Menschen nach Frankfurt anreisen und, so der Plan, Teil einer Community werden.

Marcus Droß und Anna Wagner kennen wie gesagt den Mousonturm wie die sprichwörtliche Westentasche, steuern inhaltlich vorerst wenn, dann nur behutsam um. Trotzdem scheint ihre gemeinsame Intendanz ein Neustart zu werden, muss auch in vielerlei Hinsicht einer werden – daran sind nicht zuletzt eine Pandemie, ein Krieg in Europa, eine beginnende Klimakatastrophe schuld.

Am direktesten betrifft es das Publikum beim solidarischen Ticketsystem, das bei einem Sockel von sieben Euro beginnt, nach oben aber, Achtung Wohlhabende!, keine Grenze hat. Als nächstes betrifft es den Teil des Publikums, das mit einer Behinderung lebt. Zum einen soll das Haus selbst durch Umbauten zugänglich(er) werden, zum anderen hat man bereits den vorher kunterbunten und zugegeben recht verwirrenden Programmflyer umgestaltet, der jetzt in schlichtem Schwarz auf Weiß und mit recht großer Schrift auch für Sehbehinderte lesbar sein soll.

Ob es die anderen Theater freuen wird, dass man als Künstler*innenhaus (man beachte den ebenfalls neuen Genderstern) den Titel „Frankfurts Theater der Gegenwart“ beanspruchen möchte? Stillstand ist so was von gestern, soll das wahrscheinlich bedeuten, das neue Leitungsteam strebt als eine Art „Modellinstitution“ (Droß) ständige Transformationsprozesse an.

Aber da man als Teil des Betriebs auch „strukturell befangen“ sei, werden Expertinnen und Experten von außen raten, wird es für unterschiedliche Bereiche einen Beirat geben. Und haben im Haus selbst Teams zusammengefunden, so ein „Awareness-Team“, Aufmerksamkeits-Team, und, vielleicht noch wichtiger, ein „Team Change“, das sich mit notwendigen Veränderungen beschäftigen soll. Diese Gruppe ist auch zuständig für Fragen der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit ist vielleicht die größte, die schwerste Aufgabe eines Theaterhauses, das vor allem auch auf die internationale Szene blicken will, das dies zwar lange schon tut, aber durchaus noch mit tieferer Vernetzung tun möchte. Hunderte werden in diesen Tagen zu den „Random Circles“ des Fresh Fruit Movement anreisen, denn Tanz, Theater, Musik braucht schließlich die „Versammlung von Angesicht zu Angesicht“ (Droß). Außerdem geht es gerade diesem Haus darum, „wie Körper gelesen werden“, denn „die gesellschaftliche Aushandlung beginnt mit dem Körper“ (Wagner). Auch in Sachen Energieersparnis und CO2-Ausstoß will man sich beraten lassen. Im „Theater der Gegenwart“ scheint jedenfalls die Alleinherrschaft endgültig ausgedient zu haben.

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