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„Mord im Orientexpress“: Als Hercule Poirot seine scharfen Augen zudrückte

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Von: Sylvia Staude

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Hercule Poirot, Andreas Krämer, kombiniert. Foto: Eugen Sommer
Hercule Poirot, Andreas Krämer, kombiniert. © Eugen Sommer

Ein feiner Zug, ein vergnügter Abend bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen

Knapp zwei Jahre nach der Entführung und Ermordung des nur 20 Monate alten Charles Augustus Lindbergh im Jahr 1932 erschien Agatha Christies Roman „Murder in the Orient Express“ – da war der Täter noch nicht gefasst, aber der Wunsch, er möge (endlich) zur Rechenschaft gezogen werden, sicherlich weit verbreitet. Christie dachte sich vor dem Hintergrund des berühmten Falles einen so raffinierten wie diesen Wunsch befriedigenden Whodunnit aus, einen, in dem der strenge Hercule Poirot ausnahmsweise beide Augen zudrückt. Wenigstens in der Fiktion gab es eine Art von Gerechtigkeit.

Hang zur Komödie

Der US-Dramatiker Ken Ludwig, der den Roman 2017 für die Bühne bearbeitete (Michael Raab übersetzte ins Deutsche), hat die zwölf Verdächtigen auf acht reduziert, die Figuren außerdem zu Typen zugespitzt. „Ich denke“, wird er zitiert, „was Agatha Christie eigentlich geschrieben hat, sind Komödien – oder sagen wir: mustergültige Krimis, die bereits durch ihre extravaganten Figuren einen besonderen Hang zur Komödie haben.“

Die Bad Vilbeler Burgfestspiele eröffnen die Saison also mit einem vergnügten Abend – auch das vom Regen betroffene Publikum in den vorderen Reihen flüchtete nicht, sondern zog sich die feilgebotenen Plastikcapes über. Regisseurin Adelheid Müther lässt keine Längen zu und verschenkt keinen Scherz. Bühnenbildnerin Kathrin Kegler, hat sich vermutlich, was holzgetäfelte Eleganz betrifft, durchaus vom originalen „Orient-Express“ inspirieren lassen. Und Marie-Therese Cramer, Kostüme, vom 30er-Jahre-Schick. So ein feiner Zug und so ein formvollendet höflicher Schaffner, das ist klar, sind nur etwas für Betuchte. An dieser Zugbegleiter-Uniform fehlt kein Knopf, das wäre ja noch schöner. Volker Weidlich darf als Schaffner erst sehr spät die Contenance verlieren.

Indessen dampft der Zug in Istanbul los und landet in einer Schneewehe. Keiner kann hin zum Express, keiner kann weg, der Geschäftsmann Ratchett (Uwe Dreysel) aber liegt tot, getötet mit acht (!) Stichen im Bett. Man muss kein Hercule Poirot und keine Miss Marple sein, um messerscharf zu schließen, dass der Täter oder die Täterin sich unter den Passagieren des Zuges findet. Und inzwischen auch kein Detektiv mehr, um auf die Lösung zu kommen – sie hatte bald 90 Jahre Zeit, sich rumzusprechen.

Der Reiz einer Inszenierung muss also in der Figurenzeichnung und der Besetzung liegen – mit der man sich in Vilbel Mühe gegeben hat. Der Schweizer Andreas Krämer ist ein augenblitzender, ernst-gewitzter Poirot (aber bitte beachten Sie, dass er Belgier ist). Stets mit Aplomb tritt die vor den Bolschewiken geflohene Prinzessin auf, Rosemarie Wohlbauer. In Divenhaftigkeit nur noch übertroffen von Helen Hubbard, Maria Brendel. Elena Andrenyi, Virginia V. Hartmann, mag eine ungarische Gräfin sein, aber auch praktisch veranlagt. Sekretär Hector, Steffen Weixler, und Gesellschafterin Greta, Alice von Lindenau, geben mit Elan die Nervenschwachen; Mary und James, Fee Zweipfennig und nochmal Dreysel, das junge, in Maßen tragische Liebespaar.

Natürlich ist „Mord im Orientexpress“ am Ende furchtbar konstruiert. Aber deswegen trotzdem kein geringer Spaß.

Burgfestspiele Bad Vilbel: Termine bis 31. August. www.kultur-bad-vilbel.de

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