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„Mord auf Schloss Haversham“ in Wiesbaden – Alles geht perfekt schief

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Von: Sylvia Staude

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Schief ist ein gutes Stichwort; denn alles geht schief, aber in „Mord auf Schloss Haversham“ geht es trotzdem auch immer irgendwie weiter. Hier: Michael Birnbaum. Foto: Lena Obst
Schief ist ein gutes Stichwort; denn alles geht schief, aber in „Mord auf Schloss Haversham“ geht es trotzdem auch immer irgendwie weiter. Hier: Michael Birnbaum. Foto: Lena Obst © Lena Obst

„Mord auf Schloss Haversham“, ein großartiger Spaß im Wiesbadener Kleinen Haus.

Gebrochene Füße, ausgerenkte Schultern und Gehirnerschütterungen“? Von letzteren soll ein gewisser Jonathan Sayer bereits drei gehabt haben – dabei spielt er doch nur Theater. Aber die Gruppe, zu der er als Autor, Schauspieler, Produzent gehört, nennt sich „Mischief“, Unfug, und erzeugt genau das. Mit Enthusiasmus. Mit vollem Körpereinsatz. Ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich handelt es sich bei Mischief um eine britische Truppe, wie kann es anders sein. Ihr Stück „The Play That Goes Wrong“ (von Sayer, Henry Lewis und Henry Shields) läuft seit 2014 im Londoner West End.

Und jetzt unter dem zusätzlichen Titel „Mord auf Schloss Haversham“ im Kleinen Haus des Wiesbadener Staatstheaters, denn hier weiß man, dass man das deutsche Publikum mit der Aussicht auf einen Krimi unbedingt locken kann. Intendant Uwe Eric Laufenberg saß bei der Premiere im Saal – und täuschen wir uns, oder könnte er angespannt gewesen sein? Jedoch ging alles schief, wie es sollte, stürzte alles ein, wie es sollte – ging also am Ende alles perfekt daneben und waren Ohnmachten tatsächlich nur gespielt.

Krimi? Na ja. Aber die Zuschauerin ist so mit Lachen beschäftigt, dass sie eh keine Zeit hat zum Kombinieren. Und was kann man schon von einer Laienspielgruppe (so die Rahmenhandlung) erwarten, die sich Bürgerbühne Süd nennt. Und deren Mitglied Chris (bzw. Inspektor Carter, bzw. Michael Birnbaum) bei einer kleinen Ansprache zu Beginn gleich zugibt, dass sie öfters Besetzungsprobleme haben – aber zu improvisieren verstehen. Von Tschechow gab es dann halt „Zwei Schwestern“. Diesmal sucht man noch nach dem Hund, Winston, aber auch dessen Fehlen im zweiten Akt wird die Truppe spielend überspielen. Jedenfalls geht der Vorhang auf, trippelt die Leiche gerade noch zur Chaiselongue, geht der Vorhang wieder zu und nochmal auf, kann es also endlich losgehen.

Alles andere als feinziseliert ist der Humor dieses Stückes, das rasant schief und schiefer geht. Aber auch Slapstick muss inszeniert werden. Gerade Slapstick muss inszeniert werden. Und Tom Gerber macht es in Wiesbaden ohne falsche Zurückhaltung. Aber tadellos getimt. Die passgenau kollabierende Bühne von Bettina Neuhaus und die Technik lassen ihn dabei nicht im Stich. Was plötzlich von der Wand fallen muss, fällt, was krachen und rauchen soll, kracht und raucht. Der falsche Bart geht ab, wenn er abgehen soll. Das Telefon klingelt im unpassenden bzw. richtigen Moment. Angemessen überkandidelt sind auch die Kostüme von Jannik Kurz: Schottenkaro, Federboa, Grünzeugkragen.

Das Wiesbadener Ensemble übertreibt von Herzen und blödelt, was das Zeug hält. Die Story, die Sie gleich wieder vergessen können, geht so: Cecil Haversham, Tobias Lutze, wird am Abend vor der Hochzeit mit Florence Colleymoore, Sybille Weiser, ermordet; in Wahrheit (?) hasst ihn die Verlobte und hat eine Affäre mit seinem Bruder Charles, Christoph Kohlbacher; Florences Bruder Thomas, Philipp Steinheuser, ist außerdem äußerst besitzergreifend, was seine Schwester betrifft – könnte er also die Hochzeit verhindern wollen? Selbstverständlich gibt es im Schloss einen Butler, Christian Klischat. Und fürs Gelände einen Gärtner (Lutze), der angeblich längst gegangen ist, dann doch nicht gegangen ist. Verdächtig.

Und Lina Habicht als Inspizientin Annie? Und Uwe Kraus als Techniker Trevor? Müssen beide später für die diverse Male ohnmächtige Florence einspringen. Annie wird dabei sozusagen Blut lecken und die Rolle nicht mehr hergeben wollen.

„Mord auf Schloss Haversham“ ist ein Kuddelmuddel. Ein herrlicher, völlig sinnloser Spaß. Eine Parodie auf das Prinzip: the show must go on. Die „Bürgerbühne Süd“ nimmt’s sportlich. Und das fidele Staatstheater-Ensemble auch.

Staatstheater Wiesbaden: 14. (statt „Drei Schwestern“), 17., 21., 23., 25., 28., 29., 30. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

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